20.34 Uhr. Ich liege neben meiner Tochter im Bett und warte. Darauf, dass sie einschläft. Ich habe sie gestillt, wir haben gekuschelt, ich habe sie gestreichelt, drei verschiedene Gute-Nacht-Lieder zum Besten gegeben, gesummt, Händchen gehalten. Und die kleine Maus dreht sich noch immer von einer Seite auf die andere.

Ich merke wie meine Ungeduld an meinen Nerven nagt. Innerlich steigt Wut in mir auf und ich beginne mich gegen diese Situation zu wehren, in die ich mich hineingezwungen fühle. Was ich in der Zeit alles tun könnte! Unnötiges Ausharren, verschwendete Zeit. Augen zu, schlafen. Das kann doch nicht so schwer sein.

Ich blicke zu meinem Handy. Ob sie es wohl merkt, wenn ich ein wenig darauf lese? Wenn sie schläft muss ich noch die Küche aufräumen, geht mir durch den Kopf. Ich blicke auf die Uhr. 20.52 Uhr. Ich weiß nicht ob ich weinen, schreien oder einfach gar nichts tun soll.


Vor einiger Zeit habe ich einen Bericht über einen jungen Deutschen gelesen, der eine Weltreise unternommen hat. Eine Frage, die ihm gestellt wurde war, was die wertvollste Erkenntnis seiner abenteuerlichen Reise war.

Die Antwort lautete: Gelassenheit.

Wenn ihm der Reifen seines Jeeps mitten in der Wüste platzt, ändert es nichts an der Situation, wenn er sich darüber aufregt. Stattdessen nutzt er seine Energie und fragt sich, was er aus der Situation machen kann.

So einfach und doch so weise.

Genau so fühle ich mich oft. Mitten in der Wüste mit einem unbrauchbaren Fortbewegungsmittel. Festgeklebt, zur Ruhe gezwungen. Ausharren. Geduld aufbringen. Stillstand dulden, Pausen zulassen.

Momente, in denen wir Geduld nötig haben, sind Momente, in denen wir zur Ruhe gezwungen werden.

Andernfalls würden uns diese Momente nicht weiter auffallen und ärgern. Ein geplatzter Reifen in der Wüste ist deshalb eine Geduldsprobe, weil wir auf dem Weg waren. Zu einem Ziel. Und dieses Ziel war alles, was in unserem Fokus war. Der Moment des Fahrens, des auf dem Weg seins schob sich nie oder nur hintergründig in unser Bewusstsein.

Doch nun rückt das Ziel in unendliche Ferne, weil das Mittel, dass wir nutzten, nicht mehr funktioniert. Wir müssen anhalten und müssen Ruhe finden. Wir wollen es nicht.


Wenn ich mich jeden Abend neu darüber ärgere, dass meine Tochter eine Stunde von 24 Stunden braucht, um in den Schlaf zu finden, dann nur deshalb, weil ich dieses Phänomen als Hindernis empfinde. Denn das Ziel ist der Schlaf. Und alles, was dazwischen kommt ist einfach nur: Hindernis. Geduldsprobe.

Obwohl ich ganz genau weiß, dass das zur Ruhe kommen meiner Tochter, Energien losstrampeln und sich der Nähe der Mama vergewissern ein fester Bestandteil des Schlafens ist.

Doch mit dem Ziel "Kind schläft" verfolge ich gleichzeitig das Ziel "Zeit für mich, Zeit Aufgaben zu erledigen, Zeit Dinge nachzuholen, Zeit einfach zu entspannen". Und daran merke ich, dass es mir gar nicht um den Schlaf meiner Tochter geht, sondern um all das, was daraus resultiert.

Ich denke an all die To-Do's. Und will weg. Will sie erledigen, will sie abarbeiten oder - und das passiert abends noch deutlich öfter - ich will mich ablenken. Ich will nicht hier liegen und nichts tun.


Auch wenn wir keine Kinder zu Bett bringen, begegnen uns im unseren Alltag viele Momente, in denen wir zum Nichts tun gezwungen werden. Beim Warten an der Supermarktkasse. In der Telefonschleife eines Arztes oder eines Amtes. Warten auf eine Lieferung, auf einen Anruf. Eine Auto-, Bus- oder Zugfahrt. Manchmal auch langweilige Schulstunden, Vorlesungen oder Meetings. Warten, bis alle am Tisch aufgegessen haben. Ausharren, bis der Regen abgeklungen ist. Bis das Essen aufgewärmt ist. Bis die Waschmaschine, die Spülmaschine fertig ist.

Wir greifen zum Smartphone um uns abzulenken, schalten den Fernseher ein, das Radio. Checken unsere Mails, beantworten unwichtige Nachrichten, lesen ein paar Schlagzeilen. Und wenn wir einmal keine Ablenkung finden, schweifen wir mit den Gedanken ab, denken darüber nach, was wir noch tun müssen. Was wir tun wollen. Was passieren wird, was geschehen kann, was umgesetzt werden muss.

Wir lassen nicht zu, hier zu sein. Und einfach nur das zu tun, was wir tun. Einfach nur Bus fahren. Einfach nur Essen aufwärmen. Einfach nur Warten. Einfach nur durchatmen. Einfach nur diese kurze Pause akzeptieren. Einfach nur zur Ruhe kommen.


Wenn ich akzeptiere, dass ich die Situation, dass meine Tochter eine Weile braucht, um in den Schlaf zu kommen, nicht ändern kann, begegne ich ihr auf einmal ganz anders. Ich lasse sie sich winden, meine Hände befühlen - ja, auch meine Nase und meinen Mund - und wenn ich ihr mal wieder keine Fingernägel geschnitten habe, dann lasse ich mir auch die Unterarme zerkratzen.

Ich warte, bis sie ein letztes Mal die Seite gewechselt hat. Ein letztes Mal nach meiner Hand sucht. Ein letztes Mal seufzt und endlich einschläft. Und dann warte ich weiter. Bis die ersten unruhigen Minuten in einen tiefen, erholsamen Schlaf übergehen und das Knatschen des Bettes, wenn ich mich erhebe, sie nicht mehr wecken kann.

Und ich begegne der Stille um mich und in mir ganz anders. Ich schiebe alle To-Dos's beiseite, vergesse die kleinen Sorgen und Ablenkungen und lasse meinen Blick schweifen, betrachte meine Tochter und staune, welch großes Wunder dort neben mir liegt. Ich spüre, wie mir das Herz aufgeht und ich weiß: Niemanden werde ich je mehr lieben können, als diesen kleinen Menschen. Ich danke Gott für seinen Segen und begegne ihm in diesem Moment der Stille, ganz unvoreingenommen, ganz neu.


Wenn wir beginnen zu akzeptieren, dass es Momente in unserem Alltag gibt, in denen wir nichts Anderes tun können, nichts Anderes tun sollen, als das, was wir gerade tun, dann werden wir erfahren, welchen Wert diese Momente für uns haben.

Der Weg zur Schule, zur Uni, zur Arbeit ist nicht nur der Weg um zu diesen Orten zu gelangen, sondern auch ein Moment des Fokussierens. Das Warten auf eine Lieferung, das Gezwungen sein- Zuhause zu bleiben ist nicht nur ein Warten auf "Wann darf ich endlich wieder weg?" sondern auch ein "Wow, was darf ich in dieser Zeit erleben?".

Solche Ruhe-Pausen sind ein wahrer Segen.

In der Stille begegnen wir uns. Ganz ohne Ablenkung. Wir begegnen unseren Sorgen und Nöten, aber auch unseren Wünschen und Hoffnungen. Wir atmen durch vom Stress des Alltags, wir verarbeiten, was geschehen ist und bereiten uns darauf vor, was geschehen wird.

Und mit neuer Kraft, neu fokussiert, gehen wir aus dieser Stille heraus und erledigen, was zu erledigen ist. Wir halten die gezwungenen Ruhepausen aus. Wir nehmen sie an. Wir nutzen sie, um uns neu auszurichten, zu fokussieren. Und schöpfen neue Kraft aus dieser Ruhe um in eine gesunde Produktivität zu kommen.

Statt in die immerwährende Ablenkung.

Wir holen den Reservereifen aus dem Kofferraum und tauschen den Geplatzten aus. Bündeln die gesammelten Kräfte und bringen das Auto wieder zum fahren, setzten uns hinters Steuer und fahren dem Ziel entgegen. Bewusster, ausgeruhter, wissend, dass wir entscheiden, wie wir den Weg bewältigen: Gestresst oder geduldig.