Mehr Zeit habe ich letzte Woche gefordert. Mehr Zeit für die Menschen, Dinge und Aktionen, die uns wichtig sind. Mehr Zeit für Langeweile, mehr Zeit für Blödes, mehr Zeit für gar nichts. Einfach mehr Zeit.

Aber woher kommt diese ganze Zeit, die wir offensichtlich gar nicht haben? Wie schaffe ich mir Zeiträume?


Ich erinnere mich an ein Gespräch, das ich im Studium mit meiner
Mutter führte. Ich behauptete, dass "die Anderen" ständig die Aussage "Ich habe keine Zeit" nutzen. Doch egal wie stressig mein Alltag gerade war, ich hatte immer noch Zeit übrig. Wie kann das sein?

Teilweise habe ich die Antwort in meiner Ehe finden können. Mein Mann war eine Weile sehr gut darin zu behaupten, er hätte für dieses oder jenes keine Zeit. Er müsse arbeiten. Wenn ich ihn dann beobachtete, tat er den ganzen Tag alles. Nur nicht arbeiten. Zeit totschlagen. Prokrastinieren. Aber weil er "eigentlich" arbeiten sollte, wollte er die Zeit auch nicht bewusst anderen Dingen widmen. Dafür hatte er ja keine Zeit...

Ich glaube wir "verlieren" täglich eine Menge Zeit, indem wir
unangenehmes aufschieben und das sich öffnende Vakuum nicht mit
sinnvollen Tätigkeiten füllen, sondern mit Schuldgefühlen, schlechtem Gewissen und lauter sinnlosen Tätigkeiten, die uns davon ablenken sollen.

Warum schauen wir drei, vier, fünf Folgen einer Serie auf Netflix,
gehen schon zum fünften Mal an diesem Tag zum Kühlschrank oder surfen die dritte Stunde hintereinander auf reddit, 9gag, YouTube. Wir aktualisieren Facebook und Instagram, schauen bei WhatsApp und Snapchat rein.

Dabei sollten wir eigentlich etwas Anderes tun. Hausaufgaben,
Seminararbeit schreiben, für Prüfungen lernen, Behördliches klären,
Steuererklärung, Stromanbieter wechseln, Auto in die Werkstatt bringen, Vortrag für die Jugend machen, ein Event vorbereiten, ein Geschenk für den nächsten Geburtstag besorgen, Wäsche waschen, Badezimmer putzen. Noch diese oder jene eMail schreiben.

So vergehen Tage und Wochen, in denen nichts passiert. Der Berg
Wäsche wird größer, die Staubschicht dicker, das Geld weniger, das Auto immer klappriger. Unsere Deadline rückt näher und unser Repertoire an sinnlosen oder gar negativen Eindrücken wächst.

Was hätten wir nicht alles stattdessen tun können? Wir hätten unsere Aufgaben längst erledigt haben können und die freigewordene Zeit mit lauter schönen Dingen füllen können: Eis essen mit einer Freundin, Grillabend bei einem Kumpel, Mal wieder Sport an der frischen Luft, lange Gespräche, gute Stimmung, in Menschen investieren, kreative Ideen entwickeln.


Ich glaube drei Dinge sind essentiell, um sich Zeit zu schaffen:

  1. Termine begrenzen und Pausen sinnvoll (nicht effektiv) gestalten.
  2. Prioritäten setzen und einhalten können.
  3. Hilfen finden und nutzen.

Alle drei Prinzipien vereinen sich vor allem in größeren,
selbstständigen Projekten, wie dem Studium, die Alltagsbewältigung und auch die Lebensplanung. Sofern es so etwas gibt.

Wenn ich in meinem Studium Hausarbeiten schrieb, dann gab es dafür
eine klare Struktur. Da die Hausarbeiten immer in die Semesterferien fielen, hatte ich nebenbei keine weiteren Veranstaltungen und musste mir selbst Räume schaffen, in denen ich produktiv werden konnte. Ich setzte die klassische Arbeitszeit dafür an: Montag bis Freitag 8 bis 16 Uhr. Eine Pause von maximal 30 Minuten gönnte ich mir schon, mehr aber nicht. Dafür machte ich Samstag und Sonntag eigentlich nie etwas für das Studium. Und auch unter der Woche war um 16 Uhr Feierabend. An keinem Abend setzte ich mich hin und tat doch noch schnell etwas für die Hausarbeit - ich machte mir allenfalls eine Notiz und verschob die Ausarbeitung dann auf den nächsten Morgen.

Die Abende waren oft wirklich frei. An drei Abenden die Woche hatte
ich feste Termine, aber die anderen Abende waren unverplant. Manchmal ergab sich spontan etwas, manchmal verabredete ich mich im Voraus mit Freunden, manchmal passierte aber einfach auch gar nichts.

Für mich funktionierte das Modell. Ich setzte meine Priorität auf das Studium. Wenn jemand Mittwochmorgens ins Freibad wollte, dann stieß ich eben erst nach 16 Uhr dazu. Keine Ausnahme, die Hausarbeit ging einfach vor. Allerdings war ich genauso strickt im setzen meiner Pausen und Freizeiten. Wollten meine Freunde von 18 bis 22 Uhr noch in die Bib, um gemeinsam zu lernen, lehnte ich ab. Stattdessen ging ich Eis oder Pizza essen, machte Sport im Park oder genoss einfach nur die freie Zeit.

Wie konnte ich zu einem Modell finden, dass zu mir passte? Indem ich die Hilfen nutze, die ich zur Verfügung hatte. Das ist natürlich einerseits die Kenntnis über meinen Biorhythmus - ich bin am Morgen am produktivsten, nicht am Abend - und andererseits einfache Werkzeuge, um sich einen Überblick über alles, was ansteht, zu verschaffen.

Wenn mir mal wieder alles über den Kopf zu wachsen schien, erstellte ich Mind Maps. Ich bildete dabei den Mittelpunkt und um mich herum entstanden alle Blasen, die mein Leben einnahmen: Studium, Ehrenamt, Beziehung, Freundschaft, Organisatorisches etc. Das ist ja beliebig austauschbar. Davon ab gingen dann die Unterpunkte: Studium -> Hausarbeit 1 , Hausarbeit 2 , Prüfung 1, Buch 1 lesen. ; Organisatorisches -> Bafög bescheid ausfüllen, Unterlagen zusammensuchen, Versicherung klären, und so weiter.

So hatte ich einen groben Überblick welche Aufgaben mich in naher
Zukunft überhaupt erwarteten und in welche Lebensbereiche sie
einzuordnen waren. Anhand des Bildes konnte ich auch feststellen, wie ich meine Prioritäten setzen sollte.

Wenn ich feststellte, dass ich für die Uni noch vier, fünf offene
Sachen hatte, bei Ehrenamt, Freundschaft und Beziehung aber nichts
weiter Wichtiges anstand, wurde mir sofort klar, dass erstmal die
Unisachen abzuarbeiten waren, ehe ich neue Punkte in den für mich
schöneren Bereichen angehen sollte. Zum Beispiel eine neue Aufgabe in der Gemeinde zu übernehmen.

Für kleinere To-Do's, die den Alltag bestimmen, schrieb ich in
volleren Zeiten To-Do-Listen. Entweder für den Tag oder für die Woche. Wäsche waschen, einkaufen, Mail beantworten, meine Schwester anrufen, Pflaster besorgen, Hausarbeitsthema festlegen, Vortrag vorbereiten, Geschenk kaufen. Einfach, damit man nichts vergisst, und weil Abhaken ein positives Gefühl macht. Man sieht, dass man etwas geschafft hat und der Aufgabenberg schrumpft, statt wächst. Es macht mehr Lust die anderen Aufgaben anzugehen.


Zeit haben ist eine Sache von Zeit verwalten. Dabei sollten wir, wie letzte Woche gefordert, bewusst Zeiträume schaffen, die nicht verplant sind. Die spontan gefüllt werden können, aber auch einfach leer bleiben.

Wenn wir einen vollen Alltag haben, der keine 10 Minuten zum
durchatmen bietet, dann sollten wir vielleicht in Erwägung ziehen eine Mind Map mit unseren Lebensbereichen zu erstellen und uns zu fragen: Was nimmt zu viel Raum ein? Sind alle Termine wirklich unausweichlich? Machen wir uns vielleicht zu viel Freizeitstress?

Wir müssen nicht überall dabei sein. Pausen machen, Veranstaltungen
auch mal absagen, das ist eine große Freiheit, die uns nicht etwas
verpassen lässt, sondern im Gegenteil: Sie ist ein Gewinn. Ein wervollerZeit-Gewinn.