Seit August 2017 sind mein Mann und ich in Elternzeit. Ja, wir beide. Wir beide und unsere Tochter. Das ist alles, was ein ganzes Jahr wichtig ist. Jeder Tag ist frei, jeder Tag steckt voller Möglichkeiten, jeder Tag gehört nur uns Dreien.

Elternzeit ist wie eine Fahrt auf dem eigenen Kreuzfahrtschiff. Wir bestimmen den Kurs und das Tempo, wählen zwischen den zahlreichen Freizeit- und Entspannungsangeboten aus. Kein Stress, keine Hetze. Unsere Körper räkeln sich im Sonnenschein, die kühle Meeresluft streift sanft durch unser Haar. Ruhig und beständig gleitet das Schiff über die spiegelglatte Oberfläche der See.


Es ist ein Donnerstagnachmittag. Wir sind ausgeschlafen und haben den Vormittag so verbracht, wie wir es gerade am meisten genießen: Ich mit meiner Tochter zusammen mit einer Freundin und ihrer Tochter, mein Mann vertieft in seine Gedanken. Wir haben gegessen, Windeln gewickelt, gestillt und evaluieren nun, was wir uns für den Nachmittag vorstellen.

Vielleicht shoppen gehen, merke ich an. Das will ich schon seit Tagen. Nach der Schwangerschaft brauche ich dringend neue Hosen. Alleine mit meiner Tochter ging es nicht. In der Trage ist sie zwar zufrieden, aber ich kann mich nicht umziehen. Der Kinderwagen ist groß und sperrig und die Kleine ist darin schwer bis gar nicht glücklich zu machen. Mein Mann muss also mit.

Nur hasst der Shoppen. Sowie Einkaufen gehen, generell. Und Essen gehen. Und rausgehen. Und sich mit Leuten treffen. Und sowieso, fällt mir gerade nichts ein, was er überhaupt mag. Ich denke mich in Rage und er will nicht mit.

Sekunden später sitzt er im Lehnstuhl, ich auf der Couch, das schlafende Kind und wirre, frustgeladene Vorwürfe zwischen uns.

Ich behaupte mein Mann hätte nie Zeit für mich. Er behauptet meine Tagesplanung sei undurchsichtig. Ich sage mein Mann würde mich mit dem gesamten Haushalt alleine lassen. Er betitelt meine Prioritätensetzung als sprunghaft und meint, dass er nicht einsieht, warum er sich dem ständig und immer fügen soll. Ich klage, dass er sich in seiner Elternzeit viel mehr um seine Tochter kümmern sollte. Er beschwert sich, dass ich ihn ständig unterbreche. Ich beschwere mich, dass er nie ansprechbar ist.


Der Himmel verdunkelt sich und mich fröstelt es. Ich schlage mein Handtuch um mich und blicke zum Steuer, dann gen Horizont. Niemand steht auf der Brücke um den Kurs zu halten. Ziellos treiben wir hinaus aufs arktische Meer, ungebremst auf einen Eisberg zu, dessen Spitze den Namen Alltagsfrust trägt.

TITANTIC prangt in großen Lettern an der Flanke unserer Elternzeit.

Du-nimmst-mich-gar-nicht-wahr, bricht an der Seite des Eisberges ab und wirft hohe Wellen von Wut und Schmerz an den Bug unseres Eheschiffchens. Wir umklammern die Reling mit unseren Händen, bis sie vor Kälte und Anspannung schmerzen.

Du-nimmst-mich-nicht-ernst lugt weiter hinten hervor und droht durch plötzliches herabfallen eine weitere Emotionswelle auszulösen.

Als Okay-dann-mach-den-Scheiß-doch-alleine plötzlich wie aus dem Nichts unserem Rumpf gefährlich Nahe kommt, besinnen wir uns, lösen die Hände von der Reling und stürzen zur Brücke. Mein Mann reist das Steuer rum und gemeinsam bringen wir das Boot auf Kurs. Mit angehaltenem Atem gleiten wir an der Spitze des Eisberges vorbei.


Die Anklagen verklingen. Wir sehen ein, dass so eine Freizeitflatrate auch Herausforderungen mit sich bringt und wir unseren Alltag besser planen müssen. Also versuchen wir Termine und Zeiten festzulegen. Solche, in denen jeder seine jeweiligen Aufgaben erledigen muss und solche, in denen jeder machen kann, was er möchte.


Ein leises, unschönes Scharren erregt unsere Aufmerksamkeit. Wir halten inne. Das Scharren geht über in ein Knacken. Und plötzlich dämmert es uns: Das war nur die Spitze des Eisberges...

Unter den oberflächlichen, dicken, milchigen Lagen von Frust, Wut, Ärger, Anklagen und Abwehrmechanismen, Verletzungen und Vorurteilen schimmern kristallklare Ebenen reiner Emotionen. Angst, Verletzung, Scham, Hilflosigkeit, Zweifel, Verunsicherung, Einsamkeit, Versagen, Sehnsucht, Verlangen.

Mein Herz zieht sich zusammen und ich merke, was unter meiner oberflächlichen Wut lodert: Einsamkeit. Die Sehnsucht nach Aufmerksamkeit und Beachtung. Das Bedürfnis, verstanden zu werden.

Ich verstumme, höre auf, meinen Mann zu beschuldigen und mich zu verteidigen, blicke ihm tief in die Augen und sage: "Ich brauche dich! Ich möchte Zeit mit dir verbringen."

Augenblicklich löst sich die Anspannung in seinem Körper. Er nimmt meine Hand und gemeinsam rennen wir die Gänge unseres Schiffes entlang, nehmen nicht die Abkürzungen, nicht den immer gleichen Weg zur oberflächlichen Harmonie, nicht den Pfad zur schnellen Lösungsfindung. Wir betreten neue Wege und kommen an einen Ort, der im inneren des Schiffes solch eine Herzenswärme erzeugt, dass das milchige, oberflächliche Eis um den Rumpf herum zu schmelzen beginnt. Langsam aber beständig lösen sich auch die kristallklaren Schichten der Einsamkeit, Unverständnis und Missachtung auf.


Drei Möglichkeiten haben wir, mit unserem Alltagsfrust umzugehen.

  1. Wir zerschellen am Wutberg und lassen zu, dass Nichtigkeiten unsere Beziehungen zerstören.
  2. Wir fahren um den Problemberg herum und gehen das Risiko ein, dass das, was darunter liegt uns früher oder später aus dem Hinterhalt in die Tiefe reißt.
  3. Wir werden ehrlich voreinander und vor uns selbst und bringen die tieferliegenden Schichten zum schmelzen.

Es geht nicht um die Arbeiten im Haushalt, nicht um Freizeitgestaltung, nicht um Windelwechseln und nicht um Überstunden, teure Hobbys oder Fehlinvestitionen, Kinderbetreuung, schlechtes Essen, falsche Serien, dreckige Schuhe, ungeputzte Toiletten...

Hinter jedem "Du nimmst mich und meine Arbeit nicht ernst" steckt ein "Ich sehne mich nach deiner Anerkennung". Hinter jedem "Ich bin dir nicht wichtig" ein "Ich wünsche mir mehr Aufmerksamkeit von dir".

Hinter jeder Anschuldigung, jeder Forderung liegen die Wünsche nach Nähe, Aufmerksamkeit, Zeit, Wertschätzung der geleisteten Arbeit und eigenen Person.

Bring das Eis zum schmelzen. Werde ehrlich. Deine Ehe ist es wert.