Sex ist phantastisch.

Ganz im Ernst: Sexualität ist etwas wirklich Großartiges. Buchstäblich. Von großer Art und vielen Dimensionen.

Mindestens drei: ICH. DU&ICH. WIR.


Das ICH, das haben möchte. Der Körper, der auf Reize reagiert und sie befriedigt wissen möchte. Das Selbstwertgefühl, das sich an die Reaktionen der Anderen hängt. Das Verlangen, das sagt: Jetzt. Sofort. Nichts Anderes.

Das ICH, das von der Welt ständig und immer mit der Vielfältigkeit und Komplexität der Sexualität konfrontiert ist. Das weiß, dass nackte Körper schön und aufregend sind, das erfährt, dass es erregbar ist.

Das ICH, das liest und sieht und lernt, dass Sex ein Ausdruck sein kann von Macht, von Anerkennung, von Status und Symbol, von Liebe, von Zärtlichkeit, von Reife und von Akzeptanz, von Attraktivität und von Sympathie. Ausdruck von Stärke und Schwäche, Interesse und Ablehnung, Bewunderung und Scham.

Das ICH, das befriedigt werden muss. Weil es angeblich zu unseren natürlichen Bedürfnissen wie das Atmen, Essen und Trinken gehört. Das ICH, das andere übergehen darf, damit es selbst besser darsteht. Das ICH, das etwas haben möchte.


Das DU&ICH, das zum ersten Mal richtig verliebt ist. Das DU&ICH, das versteht, dass Sexualität zwischen zwei Menschen beginnt. Das nicht nur haben will, sondern auch geben.

Das DU&ICH, dass sieht, das der Partner ebenfalls ein ICH ist. Ein ICH, das ein DU respektiert. Seinen Körper, seine Person, seine Wünsche und seine Ängste.

Das DU&ICH, das "Geben", "Schenken", "Für-dich-sein" will. Das den eigenen Körper darbietet als Ausdruck von Liebe, Zuneigung und Zärtlichkeit. Exklusiv, vertrauensvoll.

Das DU&ICH, das lernt, dass aus Zwei Eins wird. Und dieses Eins-Sein nicht beliebig, nicht schnell, nicht ohne Konsequenzen, nicht egoistisch, nicht triebhaft, nicht mal eben schnell "befriedigt sein" ist.


Das WIR, dass aus zwei Menschen drei (oder mehr) macht.

Das WIR, das entsteht, wenn Mann und Frau in Liebe verschmelzen. Sich hingeben, sich schenken, für den anderen da sind - um Leben zu schaffen, für das man da sein möchte.

Das WIR, das entsteht. Biologisch. Egal, ob wir DU&ICH jemals begriffen haben, oder bei ICH geblieben sind.


Je größer unser ICH wird, desto kleiner wird das WIR.

Wissen wir eigentlich, dass Sex ein Akt der Zeugung von Leben ist?

Wissen wir, dass Verhütung kein Lustkiller und Tabuthema, kein "jede Frau nimmt doch die Pille" und kein "ich dachte du trägst ein Kondom" ist?

Wissen wir, dass wir, im Gegensatz zum Tier, eine wahre und echte und einflussreiche Entscheidungsgewalt über unser Sexualleben haben?

Eine Entscheidungsgewalt, die uns sagen lässt: "Okay, wenn wir jetzt miteinader schlafen könnte ein Kind entstehen, was treffen wir für Maßnahmen, dass es nicht dazu kommt?"

Eine Entscheidungsmöglichkeit, die uns reflektieren lässt: Was beeinflusst uns wirklich in unserer Entscheidung Sex zu haben? Oder keinen Sex zu haben?


Die Werbung? Sex sells.

Attraktive Menschen, halbnackte und nackte Menschen, küssende Menschen, Menschen, die Sex haben - und dabei Produkte wie Alkohol, Deos, Essen und Waschmittel verkaufen.

Weil es funktioniert. Weil es etwas mit uns macht. Weil wir körperlich und emotional reagieren, wenn wir einen attraktiven Menschen sehen. Weil wir uns nach Einheit mit einem attraktiven Menschen sehnen.

Wir trinken diese Spirituose, weil sie uns attraktiv macht (und hemmungslos). Nicht, weil wir dessen Geschmack schätzen. Wir kaufen dieses Deo, weil es uns unwiderstehlich macht. Nicht, weil es unsere Mitmenschen davor bewahrt im Bus neben uns in Ohnmacht zu fallen, auf die negative Art. Wir kaufen dieses Waschmittel, weil wir glauben, dass wir Mr. Right endlich für uns gewinnen, wenn er nur den Duft unserer Bettwäsche riecht, wir ihn verführen und er uns am nächsten Morgen mit dem Frühstück auch noch den Verlobungsring ans Bett bringt. Nicht, weil unsere Wäsche dadurch sauber und gepflegt wird. Wir kaufen diese Tiefkühlpizza, weil sie uns nach einem romantischen Dinner automatisch ins Bett befördert. Nicht, weil sie unseren Hunger stillt oder gar gesund wäre.

Sauber, gepflegt, satt - was ist das schon, wenn wir befriedigt sein könnten. Sex ist aller Handlung letztes Ziel.


Die "Anderen"? Die Medien?

Wenn zwei Menschen in einer Beziehung sind, gehen wir davon aus, dass sie auch miteinander intim werden. Das verschiebt sich mehr und mehr an den Anfang und sogar vor den Anfang einer zumindest vorrübergehend verbindlichen Beziehung.

Und Singles? Natürlich haben Singles Sex! Ziemlich viel und ziemlich wild und ziemlich aufregend.

Filme, Serien, Bücher - in der mittelklassigen Unterhaltung kennen wir die immer wiederkehrenden Figuren: Mr. Sex, der seit Jahrzenten Single ist und jede Woche mit einer anderen Frau schläft. Er ist erfolgreich, er ist reich und er ist frei. Auch wenn diese Figuren mehrheitlich Männer sind - Frauen sind da heutzutage ganz "emanzipiert" und dürfen hin und wieder auch in diese Rolle schlüpfen.

Und dann gibt es noch dieses eine Paar, das nach ein oder zwei kurzen Affären eine Beziehung wagt und dann eigentlich nie Sex hat und darüber frustriert ist.

Wir lernen: Sex gehört zu einer Beziehung auf jeden Fall dazu. Ist in der Regel aber zunehmend langweilig, kompliziert und mit allerlei Streitthemen behaftet. Sex außerhalb einer Beziehung ist aufregend, kompromisslos und zieht keinerlei Konsequenzen nach sich. Alle haben ihren Spaß.


Die meisten von uns sind reflektiert genug, um zu begreifen, dass sich das reale Leben von den Drehbüchern dieser Welt unterscheidet. Dass Sex außerhalb einer Beziehung durchaus kompliziert und mit vielerlei Konsequenz behaftet ist. Dass Sex in einer Beziehung sehr erfüllend und aufregend sein kann.

Dennoch führen uns Werbung, Produktmarketing und Medien immer wieder vor Augen, dass Sex im sozialen Gefüge unheimlich wichtig ist. Sex muss man um jedem Preis haben. Klar. Denn wer kann der kann. Und wer nicht kann, den will wohl keiner.

Aber willig, das müssen wir alle sein.

Willig, Spaß zu haben. Willig, aufregend zu sein. Willig, abenteuerliche Geschichten erzählen zu können. Willig, Risiken einzugehen. Willig, Sex zu haben. Um jeden Preis.


Wir glauben, unser Sexleben geht allein uns etwas an.

Sex ist Spaß. Sex ist Lust. Sex ist Freiheit. Sex ist Selbstbestimmtheit und Selbstverwirklichung. Sex ist theoretisch zu jeder Zeit, an jedem Ort, mit jedem Partner der gegenseitigen Wahl verfügbar.

Wir sehen das ICH und vergessen das DU. Und sind überfordert, wenn wir mit dem WIR konfrontiert werden.

Wir vergessen, dass Sex nicht nur Befriedigung und Verwirklichung ist. Sondern Verbindlichkeit und Verantwortung. Fortpflanzung und Ursprung des Lebens. Ein Leben, das wir so vielleicht gar nicht entstehen lassen wollten...

Wir reflektieren zu selten, dass dieser großartige Sex, von dem alle Welt spricht, in seiner Vielfältigkeit und Komplexität auf uns einprasselt, dass wir vor Miss- Fehl- und Nicht-Interpretation gar nicht mehr wissen, wo wir uns verorten wollen und was wir zulassen möchten.


Fünf Fragen sind essentiell, um zu verstehen, was Sex so besonders macht. Fünf Fragen, die beachtenswert sind, ehe wir die Entscheidung treffen, wie wir unser Sexleben gestalten wollen.

  1. Was ist Sex?
  2. Wie funktioniert mein Körper?
  3. Wie funktioniert Verhütung (nicht)?
  4. Mit wem habe ich Sex?
  5. Wann habe ich Sex?

Fünf von mindestens sechs Schritten, die wir gehen, ehe wir vor der Frage stehen: Treibe ich ab?

Wir haben die Wahl. Wir entscheiden.

Und diese Entscheidungen sollten widerspiegeln was Sex ist: Lebensstiftend. Einheitsschaffend. Wertvoll.