In meiner alten WG wohnten wir in einem hellhörigen Haus. Selbst bei geschlossenem Fenster konnte man den Lärm der Straße hören. Jeden Montagnachmittag gegen zwei Uhr hörten wir das Gleiche: Zwei Menschen hatten Sex.

Ob sie zusammenwohnten, in einer Beziehung waren, verheiratet oder "nur" zum Sex verabredet waren, wussten wir nicht. Nur, dass es jeden Montag um zwei Uhr zur Sache ging.

Wann haben wir Sex?


Diese Frage zielt natürlich eigentlich weniger auf den konkreten Zeitpunkt ab, als auf die Umstände, in denen wir uns befinden. Denn wir entscheiden nicht nur wie gut wir unseren Körper kennenlernen, welches Bild wir von Sex haben, mit wem wir dieses intime Geschenk teilen möchten und wie wir ungewollte Schwangerschaft verhüten möchten, wir entscheiden auch, wann, unter welchen Umständen, wir Sex haben.

Dabei können ganz verschiedene Faktoren eine bedeutende Rolle spielen: Das Alter, der Beziehungsstatus, die berufliche Situation, die körperliche Situation, die familiäre Situation. Ist es eine unverbindliche Zusammenkunft, eine Einmalige, eine Wiederkehrende? Ein One Night Stand, eine Affäre? Oder ist es eine verbindliche Beziehung, die den Rahmen bildet?


Wenn wir die Sexualität an den Anfang einer (zeitlich) jungen Beziehung setzen, kann das leicht zu Überforderung führen. Man sollte eigentlich damit beschäftigt sein, den Gegenüber kennenzulernen. Seine Wünsche und seine Vorlieben, seine Stärken und seine Schwächen. Sein Sein und sein Wollen.

Will er/sie Familie? Will er/sie Karriere? Will er/sie reisen, eine Firma aufbauen, ein Haus bauen, Autos restaurieren, einen Angelschein machen, jedes Wochenende "auf Tour" gehen?

Kann er/sie Verantwortung übernehmen? Ist er/sie verbindlich, geduldig, treu, liebevoll, fürsorglich, konsequent, entscheidungsfreudig, spontan, lustig, einfühlsam, friedlich, selbstbewusst?

Kann er/sie mit Geld umgehen? Kochen? Putzen? Waschen? Reparieren? Einkaufen? Handwerken? Nähen? Um Hilfe fragen? Mit Menschen umgehen? Den Alltag meistern?

Es gibt so, so viele Dinge, die am Anfang einer Beziehung stehen sollten. Sex gehört nicht dazu.


Ein One Night Stand oder eine Affäre mögen aufregend sein. Das Flüchtige, das Schnelllebige, das Unverbindliche. Und genau das ist es, was es ebenso gefährlich wie reizvoll macht: Wir setzen nicht nur unsere eigenen Gefühle und unsere eigene Gesundheit aufs Spiel, sondern auch die unseres ungeborenen Kindes.

Wir nehmen in Kauf, dass ein Kind entsteht, dass keinen Vater hat. Ein Kind entsteht, dessen Mutter es lieber tötet, als es liebevoll zu schützen. Wir nehmen in Kauf, dass ein Kind entsteht, dass weder in Liebe, noch in Geborgenheit entstehen und geboren werden kann.


Noch in der Schule? In Ausbildung, im Studium? Gerade sind so viele Dinge wichtig: (Wie gut) schaffe ich meinen Abschluss? Was möchte ich damit machen? Wie soll mein Lebensweg aussehen? Mit wem werde ich mein Leben teilen, wie will ich es gestalten?

Wer bin ich überhaupt, was kann ich gut und was fällt mir schwer? Was gefällt mir und was kann ich gar nicht leiden?

Jung sein ist schön. Wir dürfen uns kennenlernen und erfahren, dass wir Verantwortung für uns selbst und unser eigenes Leben haben. Dass Entscheidungen Konsequenzen haben und unser Handeln und Denken etwas bewirkt. Dass wir Ziele erreichen und Scheitern überwinden können.

Wir erkunden uns und unseren Platz in dieser Welt - Jungsein ist voller schöner Entdeckungen - Sexualität sollte da nur im bestimmten Rahmen auftauchen. Flirten, Küssen, Daten, Händchen halten, Umarmungen, Kuscheln, Anschmiegen, intensive Blicke, lange Gespräche, zartes Streicheln über die Wange - es gibt so vieles, was entdeckt werden möchte. Nach und nach.

Sex braucht mehr als einen aufregenden Abend. Sex braucht gesunde, verantwortungsvolle Beziehung. Die im Zweifel für ein Leben sorgen kann. Die sich selbst und die eigenen Entscheidungen ernst nehmen kann. Die bewusst entscheidet, was sie will und was nicht.

Die Frage "Wann" ist eng verbunden mit "Mit wem"? Denn wenn wir mit dem Partner Sex haben, mit dem wir unser Leben teilen, dem wir vertrauen, den wir kennen, den wir wertschätzen, zu dem wir verbindlich "ja" gesagt haben, dann gibt es keinen falschen Zeitpunkt mehr.


Für das Kind. Das ist immer die richtige Entscheidung. Nicht erst, wenn es entstanden ist.

Wir sollten wissen, mit wem und unter welchen Umständen wir ein Kind haben möchten. Und mit wem und unter welchen Umständen nicht. Und wenn wir uns den Menschen, mit dem wir schlafen, nicht als Elternteil vorstellen können - dann sollten wir nicht intim mit ihm werden.

Und wenn wir uns in den Umständen, in denen wir uns befinden, auf gar keinen Fall ein Kind vorstellen können, dann sollten wir keinen Sex haben.

Kinder sollten einen stabilen, geborgenen und liebevollen Rahmen haben, in denen sie aufwachsen können. Wir haben die Verantwortung, dass wir dies unserem (potentiellen) Kind ermöglichen. Nicht, indem wir sagen: Ich kann dem entstanden Kind nicht ermöglichen, was es verdient. Es ist besser, es kommt erst gar nicht zur Welt...

Sondern indem wir klug entscheiden, mit wem und wann wir Sex haben wollen.


Fünf Fragen sind essentiell, um zu verstehen, was Sex so besonders macht. Fünf Fragen, die beachtenswert sind, ehe wir die Entscheidung treffen, wie wir unser Sexleben gestalten wollen.

  1. Was ist Sex?
  2. Wie funktioniert mein Körper?
  3. Wie funktioniert Verhütung (nicht)?
  4. Mit wem habe ich Sex?
  5. Wann habe ich Sex?

Fünf von mindestens sechs Schritten, die wir gehen, ehe wir vor der Frage stehen: Treibe ich ab?