Als ich an jenem Tag den Briefkasten öffnete um zu sehen, ob Post angekommen war, lag zwischen zwei Behördenbriefen eine Postkarte.

"Wenn die Wurzeln tief sind, braucht man den Sturm nicht zu fürchten."

steht dort, in geschwungenen, künstlerisch ausgestalteten Lettern. Die Karte trägt das Datum, an dem unser Kind geboren werden sollte. Ich überflog die Zeilen, drehte die Karte wieder um und las noch einmal: Wenn die Wurzeln tief sind, braucht man den Sturm nicht zu fürchten.

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Letztes Jahr wuchs eine Tomatenpflanze auf unserem Balkon. Wir haben sie nicht gesät, sie wuchs einfach im Kiesbett zwischen dem Unkraut, das ich immer ein wenig hochkommen ließ, weil ich gern überrascht werde, was aus dem jungen Grün erwächst. Nun, eine Tomatenpflanze. Sie trug schon kleine, unreife Früchte, als ich sie sorgsam ausgrub und in einen großen Topf setzte. Wir stellten sie ins Wohnzimmer, da der Herbst schon kalt und nass auf dem Balkon Einzug genommen hatte. Die Früchte konnten wir noch ernten, doch über den Winter verlor die Pflanze alle Blätter, starb bis auf den Stamm ab, trieb wieder aus und schoss, auf der Suche nach Licht, wieder hoch; starb dann wieder ab.

Diese Tomatenpflanze faszinierte mich. Und tut es um so mehr, da wir dieses Jahr ganz bewusst Tomatenpflanzen säten. Ein winziger Korn wird von Erde bedeckt, mit Wasser getränkt und in Sonne gebadet. Und dann geschieht erst einmal gar nichts. Tage, teils Wochen verstreichen. Energie, Mühe und Zeit werden investiert, ohne, dass ein Wachstum ersichtlich, zu erahnen ist. Es bleibt vor dem menschlichen Auge verborgen. Und doch ist es da!

Ganz plötzlich, eine zarte, winzig kleine grüne Spitze. Das erste Lebenszeichen. Ich bin da, ich hab' es geschafft. Wie schnell unsere Pflanzen - wir haben auch Gurken, Erbsen, Paprika, Bohnen und einiges mehr gepflanzt - gewachsen sind! Tief beeindruckt von den Kräften und ganz individuellen Eigenschaften dieser Nutzpflanzen, fing ich an ihr Wachstum zu dokumentieren. Sie hübsch aussehen zu lassen. Und jeden Meilenstein in warme Worte zu kleiden. Und doch - so viel ansehnlicher unsere gezogenen Tomaten auch aussehen mögen, unsere Findeltomate schenkte uns diese greif- und sichtbare Erkenntnis: Fest verwurzelt muss sie sein.

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Es ist ein tosender Sturm in unser Leben herein gebrochen. Ich habe es wieder und wieder hier verarbeitet. Mein Leben, wie ich es mir gewünscht habe, wie es teilweise ja bereits Wirklichkeit war, wurde nach und nach entblättert. Zarte Blütenkelche, gerade erst aus ihrer Knospe geschlüpft, rissen ab und wurden unbarmherzig in alle Himmelsrichtungen geweht. Selbst kräftige, saftig gründe Zweige, von denen wir glaubten, sie trügen dazu bei, dass unser Lebenspflänzchen reichlich Frucht bringt, trotzten dem Sturm nicht. Sie brachen. Und hinterließen Wunden. Gerade erst erreichte uns eine neue Böe, es wird ordentlich gerüttelt und geschüttelt und ich bange mit schwerem Herzen um einen Teil meiner Lebenspflanze, den ich so nicht ziehen lassen kann. Nicht will. Schön anzusehen, das ist mein Leben derzeit nicht. Nicht für mich, die alle Wunden und alles fragile Blätterwerk kennt.

Es tut weh, unsere Kinder ziehen zu lassen. Es verunsichert, neue Wege im Job zu gehen. Es fordert heraus, den Familienalltag umzustrukturieren. Es ist beklemmend, die Gesundheit geliebter Menschen gefährdet zu sehen. Es ist bedrückend, dem Dunkel dieser Welt zu begegnen.

Und doch erschrecken wir nicht. Denn auch dieses bleibt unseren Mitmenschen unentdeckt: Das Wurzelwerk, dass diese Lebenspflanze nährt. Wir sind nicht hoffnungslos, denn wir haben diesem Sturm etwas entgegenzusetzen. So viele Wunden unser Leben auch aufweist, ja würden wir auf unsere bloße Existenz zurück geworfen werden, unseren Halt geben uns unsere Wurzeln. Sie sind tief gerankt und fest verankert in einem Erdreich, das vor Kraft und Freude strotzt. Der Sturm kann wehen, toben, hageln und donnern - das Unwetter wird uns nicht entwurzeln und forttragen, der Sturm erreicht das Erdreich nicht. Ja, wenn die Wurzeln tief sind, braucht uns der Sturm nicht zu fürchten!

Unser Leben wird nicht durch unsere Leistung wertvoll. Nicht die prallen, reifen Früchte, nennenswerte Positionen, Ehrenämter, Kinderanzahl, Gehaltszettel, materielle Besitztümer, Reiseziele nähren unser Leben. Unsere Umstände sind bloß Blätterwerk. Wohnsitz, Studienwahl, politische Gesinnung, moralische Überzeugungen - sie treiben die seltsamsten, gar schönsten Blüten. Und doch nähren auch sie unser Leben nicht. Brechen sie weg, ganz gleich ob in einem Sturm, durch die Hand eines Anderen oder selbstgewählt - sie sind verdorrt und können nicht wieder erweckt werden. Die Wurzeln aber, unsere Beziehung zu Gott, bergen Leben in Fülle.


Denn es ist die Liebe Gottes selbst, in der unsere Wurzeln gegründet sind. Er, der außer Raum und Zeit steht, die Berge und Meere geschaffen, die Tiere geformt, die Pflanzen erdacht, die Menschen erweckt hat; Er, der eines jeden Menschen Namen, Geburtsort und -zeitpunkt liebevoll wählt und sehnsüchtig auf unsere Rückkehr wartet; Er ist es, der uns alles gibt, was wir zum Leben brauchen. Mehr als wir je ausschöpfen könnten. Je näher wir Gott sind, desto tiefer wurzelt unser Leben in Freude, in Liebe, in Langmut.

Völlig entblättert, ein bloßer, brauner Stumpf, so stand die Balkontomate auf unserem Wohnzimmerregal - und doch lebte sie. Strotzte vor Kraft, trieb aus, immer wieder, bildete neue Blätter, neue Blüten, neue Früchte. Sie nahm den Nährboden dankbar an und wurzelte. Lasst es uns ihr gleich tun. Wenn wir in Gottes Liebe gegründet sind, brauchen wir uns nicht zu fürchten.

Gott ist da. Gleich ob unser Leben keimt, wächst, blüht, Frucht trägt, abbricht, eingeht. Gott ist da.