| Verantwortungsvolle Sexualität

7 - Versöhnung

Ich habe aber abgetrieben! Wird sich vielleicht die eine oder andere jetzt wütend, vorwurfsvoll, traurig, nachdenklich denken.

So sehr ich dahinter stehe, dass Abtreibung keine (Er)Lösung eines ungeliebten Lebensumstands ist, so sehr bin ich davon überzeugt, dass Abtreibung keine Tat ist, die unser eigenes Leben zwingend und nachhaltig zerstört.

Ich bin davon überzeugt, dass wir uns selbst vergeben können, es müssen. Wir müssen Vergebung suchen und dürfen dann erfahren, wie unsere Fehlentscheidungen uns dennoch zu Gute kommen können.

Wissenschaftlich betrachtet, ist eine Abtreibung nicht in erster Linie Auslöser und Verursacher lebensqualitätsmindernder Umstände. Einer Studie der National Collaborating Centre for Mental Health (NCCMH) nach, sind ungewollt schwangere Frauen gleichermaßen von Depressionen und anderen psychischen Erkrankungen betroffen, unabhängig davon, ob sie das ungeplante Kind abtrieben oder behielten (vgl. S.216). Denn Auslöser für patologische Befunde sind nicht etwa Geburt und Betreuung des Kindes oder das Abtreiben des ungeborenen Lebens, sondern viel mehr die ungeplante und ungewollte Schwangerschaft als solche.

Gerade darum liegt mir verantwortungsvolle Sexualität so am Herzen. In einer perfekten Welt, in der alle Menschen wertschätzende, lebensbejahende und von Liebe und Respekt geprägte Entscheidungen treffen würden, gäbe es keine ungewollten Schwangerschaften. Keine daraus resultierenden lebensentscheidenden Fragen: Behalten oder Abtreiben? Und keine Frage, die sich danach stellt: War es richtig/falsch abzutreiben?

Ich bin nicht gegen Abtreibung. Ich bin für verantwortungsvolle Sexualität.


Wir dürfen erkennen, dass wir in unserer Situation vermutlich die beste Entscheidung getroffen haben, die wir gemessen an unseren Umständen, unserer Gefühlslage und unserer Entscheidungsreife, hätten treffen können.

Auch, wenn wir uns heute anders entscheiden würden, sollten wir uns nicht permanent vor Augen halten (müssen) welche Fehler wir begangen haben. Denn egal, an welchem Scheideweg wir uns nicht optimal entschieden haben: Es gibt kein Verhalten, keine Tat und kein Gedanke, der uns nicht vergeben werden und uns wieder in Würde Leben lassen könnte.

Wichtig und richtig ist: Wir dürfen und müssen uns selbst vergeben. Und wir müssen uns vergeben lassen. Und diese Vergebung ist uns fest versprochen, wenn wir sie wirklich und wahrhaft in Anspruch nehmen wollen: "Ich rede aber von der Gerechtigkeit vor Gott, die da kommt durch den Glauben an Jesus Christus zu allen, die glauben. Denn es ist hier kein Unterschied: Sie sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhmes, den sie vor Gott haben sollen, und werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch Christus Jesus geschehen ist." (Römer 3,22-24, Luther 2017).

Wir alle machen Fehler. Und diese Fehler unterliegen keiner Hierachie. Nicht vor Gott. Eine Notlüge ist genauso ein Fehler, wie ein Totschlag. Und ein verachtungsvoller Gedanke, ebenso wertabsprechend wie eine Abtreibung. Denn mit jeder Notlüge, mit jedem herabwürdigenden Gedanken und Kommentar, erkennen wir unseren Gegenüber nicht als das, was er ist: Ein wertvoller Mensch, mit all seinen Fehlern, unendlich geliebt und würdevoll zu behandeln. Auch wenn das, was wir tuen, nicht würdevoll ist. An unserem Wert ändert das nichts!

Jede Fehlentscheidung wiegt gleich. Doch manche ziehen größere Konsequenzen nach sich, als andere. Und deshalb schmerzen manche Fehlentscheidungen mehr, als andere. Ein Gedanke verhallt ungehört. Und kann im nächsten Moment durch einen positiveren ersetzt werden. Eine Notlüge kann schnell aufgeklärt werden. Zugefügte Wunden können gepflegt und geheilt werden. Ein beendetes Leben aber kann nicht zurückerlangt werden.

Und doch sind wir nicht schlechter, weil wir abgetrieben haben. Wir sind nicht weniger wert. Wir sind nicht weniger liebenswert. Wir machen wie alle Fehler. Und wir dürfen wie alle das unverdiente Geschenk des Glaubens und der Vergebung annehmen.

Wir dürfen uns nach Gott ausstrecken, die wertvollste Beziehung der Welt ganz neu oder wieder entdecken. Wir dürfen zurückblicken, unsere Entscheidungen mit Hilfe von geschultem oder feinfühligen Menschen nachzeichnen, verstehen, benennen, was uns bedrückt.

Unabhängig davon, ob wir uns für oder gegen unser Kind entschieden haben - wenn wir nicht verstehen, wie wir in diese Lage gekommen sind und wie wir aus ihr das bestmögliche machen können, dann laufen wir gefahr, uns niemals selbst vergeben zu können. Selbstanklage und Selbstmitleid sind ebenso wenig gottgewollt, heilsam oder förderlich wie fremde Anklage. In der Bibel lesen wir von einer Frau, die einen Fehler gemacht hat. Jesus verurteilt sie nicht. Aber er gibt ihr einen entscheidenenden und lebensveränderten Rat mit: "Jesus aber sprach: So verdamme ich dich auch nicht; geh hin und sündige hinfort nicht mehr." (Johannes 8,11, Luther 2017)

Ich glaube wir sollen nicht mit ewigen Schuldgefühlen und in ständiger Selbstanklage leben. Gott hat uns zu einem Leben in Freiheit berufen. Er will und wünscht, dass wir aus unseren Fehlentscheidungen lernen und gestärkt und ermutigt aus ihnen herausgehen dürfen. In ein Leben, geprägt von guten, wertschätzenden, lebensbejahenden Entscheidungen und Lebensweisen.

Einmal verstanden, verarbeitet, vergeben hat unsere Lebensgeschichte gewaltiges Potential anderenen Menschen eine große, authentische und lebensrettende Hilfe zu werden. Unsere eigenen Fehler können sich in Ermutigung, Verständnis und Heilung wandeln. Für uns selbst. Und für andere.

Denn jedes Leben ist wertvoll. Auch deines.

Verantwortungsvolle Sexualität
Kostbar

Kostbar

Weiblich, Achtundzwanzig, Ehefrau, Mutter, Freundin. Literaturwissenschaftlerin mit einem großen Herzen für (Gottes) Worte und junge Menschen, Familien und andere Kostbarkeiten.

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