Elternsein verändert das Leben eines Menschen durchaus. Bei manchen leidet der Schlaf, bei manchen die Nerven und bei mir die Verbindlichkeit. Auch wenn sich vieles in meinem Leben durch die Existenz meiner Tochter verbessert hat, meine Pünktlichkeit und Verbindlichkeit hat sich enorm verschlechtert.

Ich gebe zu: Das liegt nur sehr bedingt an meiner Tochter selbst.
Klar, es kommt schon vor, dass sie ausgerechnet dann die Windel
vollmacht, wenn ich gerade zur Tür hinaus wollte. Oder der Tag so
anstrengend war, dass sie einfach nur noch Ruhe und eine gewohnte
Umgebung braucht.

Aber in der Regel bin ich dafür verantwortlich, dass wir eine
gute halbe Stunde zu spät kommen, dass ich Fristen versäume, Aufgaben unerledigt bleiben, Rückmeldungen ausbleiben.

Ich habe nicht ans Essen gedacht, die Wickeltasche nicht gepackt, nicht geschaut wie das Wetter wird, vergessen, dass die Wäsche noch aufgehängt werden muss oder schlichtweg nicht auf die Uhr geschaut. Keine Pausen eingeplant, die freie Zeit beim Surfen im Internet vergeudet, meine To-Do’s nicht aufgeschrieben.

Wenn ich nicht ganz pünktlich bin, kann ich das verschmerzen. Die
wenigsten Termine sind so wichtig, dass Pünktlichkeit erforderlich ist. Ob ich nun 20 Minuten früher oder später bei der Krabbelgruppe auftauche stört niemanden. Es ist kein Meeting, dass ohne meine Meinung nicht auskommt.

Aber was mich wirklich stört: Ich bin unzuverlässig geworden. Gebe
keine Antwort, versäume Fristen, sage spontan ab. Und auch das liegt meistens an meinem Zeitmanagement.

Ja sagen, eine Sache anfangen und dann auch dazu zu stehen, sie zu
Ende zu bringen, dass ist Verbindlichkeit. So weit, so einfach.

Aber warum sagen wir so oft ab? Warum sagen wir gar nicht erst zu?
Warum sagen wir gar nichts? Warum fangen wir Dinge an und brechen sie wieder ab? Warum lassen wir Dinge im Sand verlaufen? Warum fangen wir Manches gar nicht erst an?


Berufswahl, Urlaubsziel, Lebensplanung, Freizeitgestaltung. Kleidung, Technik, Essen und nicht zuletzt: Veranstaltungen, Events, Feiern.

Wir haben ein Überangebot an Möglichkeiten. Die Entscheidung, die wir treffen müssen, ist nicht zwischen a und b. Auch nicht zwischen a,b,c und d. Wir entscheiden zwischen a-z, Sonderzeichen, griechischem, lateinischen und arabischen Alphabet. Zahlen oder Smileys, was darf's heute sein?

Wenn wir t sagen, verpassen wir dann x,r und g? Und was ist, wenn s die bessere Option wäre?

Wer zu viele Angebote hat, landet gefühlt öfter bei der falschen
Option. Und wählt am Ende gar nicht mehr. Einladungen bleiben
unbeantwortet, Verabredungen werden nur unkonkret gemacht und doch
niemals umgesetzt. Man sollte, man könnte, wenn ....

Oder haben wir schon zugesagt: Ja, wenn's passt? Und ein, zwei Tage
später ergibt sich eine neue, viel interessantere Option? Wie oft, wie schnell sagen wir "Passt doch nicht" und sind schon nicht mehr
erreichbar.

Wir sagen zu Zeiten zu, von denen wir genau wissen, dass wir sie
nicht einhalten können. Wir geben überhaupt keine Rückmeldung, weil wir uns offen halten wollen, ob wir es schaffen (statt das so zu
kommunizieren). Wir sagen spontan ab, weil uns doch irgendwie alles zu viel wird.

Doch was ist mit den Menschen, die einladen? Was ist mit denen, die mit oder ohne unsere Hilfe planen müssen?

Auf die Frage "Kannst du mir helfen am Montag Tische und Stühle für
die Veranstaltung zu stellen?", ist die Antwort "vielleicht" nicht
angemessen. Was ist, wenn der Verantwortliche acht Leute fragt und sechs sagen "vielleicht", einer sagt zu und einer ab. Dann kommen vielleicht sieben, vielleicht nur einer. Sollen also noch mehr Leute angefragt werden? Mehr Zeit eingeplant werden? Eine vermeintlich einfache Sache wird zum Organisationskraftakt, weil verbindliche Hilfen fehlen.

Natürlich gibt es "offene" Einladungen, aber die meisten Geburtstage, Hochzeiten, Trauerfeiern, Events, Partys und Veranstaltungen müssen ungefähr geplant werden.

Wir erweisen unserem Gegenüber Respekt, indem wir ihn und sein
Anliegen ernst nehmen. Er hat sich Mühe gegeben. Er hat Zeit investiert, wahrscheinlich auch Geld. Er hat dich persönlich eingeladen, oder zumindest dich als Wunschteilnehmer ausgewählt. Er möchte gerne wissen, ob er mit dir rechnen kann, oder nicht. Wie viele Stühle er stellen muss, wieviel Essen er vorhalten muss, wie er dir eine Freude machen könnte.

Vielleicht muss er auch planen und im Ernstfall für Ersatz sorgen.
Wenn du um Hilfe gebeten wirst, dann wird auf dich gezählt. Dann wird nicht "irgendwer" gebraucht, sondern genau du!


Zu(oder Ab)sagen und dabei bleiben, bringt Ruhe und Konstanz in
unsere Zeitplanung. Weil wir lernen Kompromisse einzugehen,
Entscheidungen zu treffen und mit ihnen zu leben. Wir lernen mit unseren Ressourcen zu haushalten, Termine zu machen und Termine einzuhalten. Auch wenn sie, je näher sie rücken, weniger attraktiv erscheinen. Denn auch unangenehme Termine oder Veranstaltungen die parallel zu vermeintlich interessanteren Ereignissen stattfinden, können ein wahrer Gewinn sein.

Durch vermeintlich uncoolere Optionen können wir neue Eindrücke
gewinnen, den Horizont unserer Erfahrungen erweitern. Ein Familienessen mit der älteren Generation der Verwandtschaft klingt nicht gerade verlockend, wenn zur gleichen Zeit eine Poolparty bei der besten Freundin ansteht. Aber vielleicht erzählt Tante Inge von einer freiwerdenden Wohnung in deiner Nähe, oder Onkel Karl erzählt aus seinem bewegten Leben Geschichten, die du sonst nur aus Dokumentationen kennst, während auf der Poolparty der übliche Klatsch und Tratsch deines Freundeskreises breitgetreten wird.

Zusagen und auch dabei bleiben stärkt unseren Charakter.

Wir lernen Langeweile auszuhalten und vermeintlich "schlechte"
Entscheidungen zu vermeiden. Wir lernen, dass Zeit kostbar ist und
bewusst vergeben werden kann. Wir lernen Verzicht und dass das Leben weitergeht, wenn wir etwas "verpasst" haben.

Alle reden von der Party und du warst nicht dabei? In 14 Tagen
erinnert sich wahrscheinlich keiner mehr daran, du aber wirst vielleicht die nächsten 5 Jahre in der Wohnung wohnen können, die dir Tante Inge vermittelt hat.


Die Bibel findet einfache, klare Worte: "Euer Ja sei ein Ja und euer Nein ein Nein; jedes weitere Wort ist vom Bösen."(Matthäus 5,37, NGÜ).

Verbindlichkeit ist eine sehr wertvolle Eigenschaft, die es lohnt,
trainiert zu werden. Für uns, weil wir ehrlich, verlässlich, respektvoll werden und für unser Gegenüber, weil er Hilfe, Respekt und Ehre erfährt.

Lasst uns Verbindlichkeit (neu) lernen. Und wenn es bedeutet, 90 %
aller Anfragen und Einladungen abzulehnen und nur 10 % wahrzunehmen. Diese dann aber verbindlich, mit vollem Einsatz.