Es ist still geworden. Eine Ruhe ist eingekehrt, die den meisten von uns sehr gut tut und tun wird. Manchmal ist sie fast gespenstig. Manchmal ist sie langweilig. Manchmal ist sie drückend und manchmal befreiend. Aber sie ist da. Die Stille.

Bei uns auch schon vor der Krise. Die Stille, die eingekehrt ist, als unser kleines Wölkchen vorüber zog. Die Leere in meinem Bauch. Wir haben für T1 (noch) keinen Kindergartenplatz bekommen. Und auch das ist eine Leerstelle. Wir haben einen Recht auf einen Platz, natürlich. Aber noch haben wir keinen. Ich weiß nicht, wo meine große Tochter ab Sommer mindestens den halben Tag verbringen wird. Welchen Weg ich zwei mal täglich zurücklegen werde. Und auch beruflich gibt es bei uns Leerstellen. Wir wissen nicht, was in wenigen Wochen sein wird. Wieviel Geld wir zur Verfügung haben werden. Welchen Arbeitsweg wir zurücklegen werden, welche Aufgaben auf uns warten. Es ist wieder einmal alles zum Erliegen gekommen. Das Leben, wie ich es mir gewünscht habe, ist nicht eingetroffen. Der neue, gutglaubte Job war nicht wie erhofft. Der angestrebte Kindergartenplatz wurde überraschend nicht an uns vergeben. Unser drittes Kind, das doch schon auf dem Weg zu uns war, kommt nie bei uns an. Und nichteinmal unser gewohnter Alltag ist uns geblieben. Es ist, als hätte jemand die Zeit angehalten.

Diese Stille, die unser Leben, unsere Planungsmöglichkeiten, unser Land einhüllt steht im direktem Gegensatz zu unserem lauten, lebensstrotzenden Alltag. Während Produktionen, Prozesse, Versandwege verlangsamt, gar eingestellt werden, ist die Natur zum Leben erwacht. Vögel zwitschern in den zartgrünen Wipfeln, Kirsch- und Apfelbäume sind üppig rosa, pink und weiß geschmückt. Die ungewisse Perspektive legt einen grauen Schleier auf unsere Seele, doch die Wiesen vor unserer Haustür erblühen gelb und weiß, violet und blau. Mitten in dieser bunt gesprenkelten Welt toben fünf wunderbare Kinder, die sich nach nichts sehnen und nach nichts fragen, als ihr Beisammensein in dieser herrlichen Natur. Stunden um Stunden verbringen wir vor dieser paradiesischen Kulisse, immer Jemanden um uns, zum reden und austauschen. Und doch erscheint mir diese Schönheit verschwenderisch, als müsse sie jeden Moment zur Neige gehen und ich hätte nichts getan um sie zu konservieren. Das Schöne wäre mir unaufhaltsam entronnen und ich hätte untätig dabei zugesehen.


Stille macht uns oft unruhig. Wir würden gerne etwas tun. Etwas vorbereiten. Für später. Jetzt etwas tun, damit wir später genießen können. In den Momenten, in denen wir nichts tun können, sorgen wir uns. Wir halten die Stille nicht aus. Wir machen neue Pläne, weil die alten scheiterten. Wir suchen neue Wege, weil die alten uns im Kreis herumführten. Wir stecken neue Ziele, weil sich die alten als unerreichbar erwiesen. Es sind unsere Pläne, Wege, Ziele, die wir in diesen Zeiten der Stille formen. Wie das Behauen eines Steines, ist es zunächst bloß die grobe Idee. Doch wir kennen unsere Werkzeuge und feilen und schleifen und verzieren, bis es in seiner Pracht und Schönheit vor uns steht: Unser Weg/Plan/Ziel eines Lebens, das lebenswert erscheint. Ein Bild, das wir voller Stolz und Ehrfurcht bestaunen und fortan bestrebt sind zum Leben zu erwecken.

Die neue Gewohnheit, am morgen, die uns zu mehr Struktur im Alltag verhelfen soll. Die Summe Geld, die wir aufbringen wollen um eine langersehnte Sache zu finanzieren. Die Ernährungsumstellung für mehr Energie im Alltag. Der neue Job, das aufregende Hobby, das Ehrenamt. Wir malen uns aus, was wir bräuchten, um Geborgenheit, Erfüllung und Sicherheit im Leben (besser) erreichen zu können.

Doch was hilft ein Bild? Sein Meister hat's gebildet. Was hilft ein gegossenes Bild, ein falscher Lehrer? Sein Meister verlässt sich auf sein Werk, obgleich er stumme Götzen macht. Weh dem, der zum Holz spricht: »Wach auf!«, und zum stummen Steine: »Steh auf!« Wie sollte ein Götze lehren können? Siehe, er ist mit Gold und Silber überzogen, und kein Odem ist in ihm. - Habakuk 2, 18&19

Schon vor tausenden Jahren wurde niedergeschrieben, dass dieses Bemühen zwecklos ist. Wir entwerfen Pläne für unsere Zukunft, legen Geld über Jahre an, investieren in Immobilien oder Aktien, schließen Versicherungen ab und wählen einen zukunftssicheren Job. Wir schaffen uns etwas, ein Heim, einen Beruf, eine Familie. Wir legen Hoffnungen und Träume in sie und warten darauf, dass sie uns das schenken, was wir uns erhofften, als wir sie errichtet haben.

Doch es sind leere Hüllen, denen wir Leben einhauchen wollen. Wir bauen Tempel und versuchen sie auszustaffieren. Das Leben, das wir uns wünschen soll hübsch anzusehen sein. Und jedem Sturm trotzen. Wir bauen, bilden, bemühen uns. Vieles sind legitime Ziele, viele Wege lohnen sich zu beschreiten und einige Pläne sind es wert, sie zu verfolgen. Doch wenn wir von ihnen erwarten, dass sie uns Sicherheit, Leben, Zukunft geben, dann können wir nur enttäuscht werden und immer wieder in Sorge geraten, sobald uns die Stille einholt.

Aber der HERR ist in seinem heiligen Tempel. Es sei stille vor ihm alle Welt! - Habakuk 2,20

In seinem Tempel, der ist. Und nicht von Menschenhand gebildet wurde. Der belebt und nicht beatmet ist. Der Tempel, der unlängst da ist: Du bist es. Ich bin es. Wir sind es. Und jeder, der dies annimmt, der wird vom Herrn bewohnt. Der wird mit Leben gefüllt. Denn dieses tiefe Verlangen nach Sicherheit. Angekommen sein. Geborgener Wärme. Liebevolles Gehaltenwerden, abenteuerlichem Leben. Ein Leben in Gänze und Fülle, ohne jedweden Mangel. Dieses Leben finden wir nicht in selbsterrichteten Werken, sei es materieller oder geistiger Natur. Wir finden es allein in Gott. Er braucht unsere Pläne nicht. Wir müssen ihm keine Trampelpfade treten, damit er zum Ziel kommt. Er kennt das Ziel und führt uns die Wege. Wir können nichts erzwingen, wir können ihm nichts entlocken. Gott gibt nach dem Maß, welches uns gut tut zu der Zeit, zu welcher wir es brauchen.

Wer dies erkennt, der steht vor Gott und schweigt.

Nicht stumm vor Sorge. Sondern still in Ehrfurcht vor seiner Herrlichkeit und Allmacht. Still, in Erwartung auf sein gutes und rechtzeitiges Eingreifen und in Vorfreude auf den Segen, der folgen wird.