Selbstlosigkeit fasziniert. Wenn Menschen ihr Leben, ihr Sein, dafür einsetzen um vermeintlich Größeres zu erreichen. Gesellschaftliche Veränderung, politische Umschwünge, die Rettung von Tieren und Menschen, die Steigerung von Lebensqualität, die Beseitigung von Missständen und Ungerechtigkeiten. Das Leben für ein Ideal. Das Leben für (einen) andere(n) Menschen. Für eine Sache, von der man wirklich und ganz überzeugt ist und alles hineingeben möchte, was man zur Verfügung hat.

Was manchen Menschen in ganz großem Stil gelingt leben wir täglich im Kleinen. Als Freunde, als Töchter und Söhne, als Partner und als Eltern opfern wir uns für Andere auf. Wir pflegen Familienangehörige, stellen unsere eigenen Wünsche zurück um unseren Kindern gerecht zu werden.

Aber wie selbstlos sind wir dabei wirklich?


Als mein Mann und ich darüber sprachen, ob wir uns eine dauerhafte, verbindliche gemeinsame Zukunft vorstellen können, sprachen wir auch über die Verteilung von Arbeit und Familie. Ihm war seine berufliche Laufbahn wichtig, mir die Familie. Perfekt, das ließ sich wunderbar kombinieren.

In meiner Vorstellung ging mein Mann morgens aus dem Haus, ich sorgte mich selbstlos, aufopfernd um unsere wohlgeratenen Kinder, den vorbildlichen Haushalt und was eben so anfällt, wenn man "lebt". Abends kommt der Göttergatte heim, küsst seine glücklichen Sprösslinge, bringt sie ins Bett und wir genießen den Abend zu zweit.

Wir heirateten dann tatsächlich und als ich ein halbes Jahr später in den letzten Zügen meiner Masterarbeit stand, erklärte ich meinem Mann, dass wir jetzt ein Kind bekommen könnten. Denn ich war bereit, alles für meine Kinder zu tun. Allen voraus meine Karriere hintenan zu stellen. Obwohl ich schon mit der einen oder anderen Stelle geliebäugelt hatte. Ich war bereit zurück zu stecken. Auch finanziell. Ich würde sparsam sein, ich würde an meinen Mann keine großen (Besitz)Ansprüche stellen.

Ich war auch bereit meine Freizeit zu opfern. Keine spontanen
Kinobesuche. Kein Schwimmen gehen, wann ich will. Auch so große
Lebenswünsche wie: Einmal eine Weltreise machen, nochmal ein ganz neues Hobby starten oder eine große Anschaffung machen, konnte ich verabschieden.

Nichts hielt mich auf. Außer…

... die Pläne meines Mannes.

"Ich möchte/kann jetzt noch nicht allein für uns sorgen", eröffnet er mir. Und dann folgen ein paar Erklärungen, die wahrscheinlich sinnvoll, aber ganz bestimmt nicht vorhersehbar waren.

Auf einmal sah alles anders aus, als in meinen konservativen Träumen. Ich würde meinen Kinderwunsch hintenanstellen müssen, tatsächlich und unvermeidlich einen Job suchen und ausüben müssen und akzeptieren, dass mein Mann auch Pläne hat, die er außerhalb des engen Korsetts einer Festanstellung leben möchte.

Ich war wütend. Ich war entsetzt. Ich fühlte mich übergangen. Ich
fühlte mich betrogen. Um mein Lebensziel. Um meine Aufgabe. Ich wollte doch Mutter sein!

Aber ich wollte auch nicht unfair sein. Mein Mann ist ambitioniert, er hat große Träume und Visionen. Ich frage nach seiner Motivation. Seinen Zielen. Er sagt: „Es ist mein Traum!“. Das versetzt mir einen Stich.

Ich erkenne, wie lächerlich meine Anklage ist.

Ich möchte keine finanziellen Ansprüche erheben - aber erwarte, dass mein Mann uns versorgt? Ich möchte meine Freizeit einschränken - aber bin nicht bereit arbeiten zu gehen? Mein Wunsch, meine Priorität im Leben, ist das Fördern und Befähigen meiner Familie - mein Mann ist meine Familie -. Ich möchte mich zurückstellen, damit sie aufblühen kann - aber ich erwarte, dass meine Wünsche und Pläne Vorrang haben?


Öfter als gedacht, sind unsere Ambitionen gar nicht so selbstlos, wie wir uns das eingebildet haben. Unsere Erwartungen gar nicht so klein, wie wir dachten. Unsere Bereitschaft etwas zu tun, nicht so groß, wie wir vorgaben.

Wir haben eine genaue Vorstellung davon, an was unsere Bereitschaft zur Aufopferung geknüpft ist. Auch, wenn wir diese gar nicht bewusst benennen können. Erst wenn es anders kommt, als wir erwartet haben, werden wir uns dessen auf die eine oder andere Art bewusst.

Selbstlos handeln heißt: Ich helfe dir, auch wenn es nicht (ganz)
meinen Ambitionen entspricht. Wenn ich keinen Vorteil daraus ziehe und auch, wenn ich mal kein gutes Gefühl dabei empfinde.

Wirklich und wahrhaft selbstlos zu Handeln erfordert gewiss einen
Rahmen. Hier den der Ehe, der mir die Gewissheit gibt, dass mein Mann es gut mit uns meint und seine Entscheidungen genauso wenig egoistisch trifft, wie ich.

Selbstlosigkeit erfordert den Rahmen einer Gemeinschaft, die von
Einheit lebt und für das Allgemeinwohl sorgen will. Das Wirken eines Menschen um einen Anderen, vielen Anderen Gerechtigkeit zu verschaffen. Denn als Teil einer Gemeinschaft heißt Selbstlosigkeit immer:

Ich für den Anderen.