Mein Handy ist unauffindbar.

Vielleicht habe ich es verlegt. Vielleicht wurde es unabsichtlich eingesteckt. Vielleicht hat es T1 "verspielt". Vielleicht wurde es gestohlen. Vielleicht ist es zwischendurch verloren gegangen. Zumindest war und ist es weg. Zwischen 12 und 14 Uhr in den ewigen Schlaf gefallen. Im Schloß der Eltern.

Vielleicht kommt irgendwann - in 100 Jahren - der edle Finder und erweckt es wieder zum Leben. Bis dahin ruht es. Und mit ihm die Erinnerungen der letzten 9 Monate. T2's ganzes Leben ist auf einmal undokumentiert.

All die Veränderungen, die dieses junge Leben schon erfahren hat, sind nur noch blasse, konturenlose Gedankenfetzen. Unteilbar, unabbildbar, unerklärlich. Die feinen Züge in ihrem Gesicht, jeden Tag etwas anders und doch unverkennbar: T2.

Doch so viel Erinnerung, Vergangenheit, Denken und Träumen, Dokumentieren und Notieren von und über mein Leben auch mit diesem kleinen Gerät in einen Dornröschenschlaf gefallen ist: Mein Leben ist es nicht.

Meine Zyklusdaten von fast 4 Jahren sind verloren. Meinen Zyklus interessiert das wenig. Er läuft weiter seine Runden. Die Daten der Kinder zu ihrem Schlaf- und Essverhalten seit ihrer Geburt, treiben nun im Datenmeer - meine Kinder aber schlafen und essen weiter. Sie wachsen auch und nehmen zu, ganz egal was der Perzentillenrechner auf meiner App dazu zu sagen hat. Beruhigend.

Während meine Körperfunktionen, und die meiner Kinder, unverändert weiterlaufen, kommt die Kommunikation zum erliegen. Von jetzt auf gleich war ich vom Rest der Welt abgeschnitten. Nicht erreichbar. Und für eine knappe Woche fehlte die Möglichkeit kurz zu fragen, wie es geht. Updates entfernter Freunde zu erhalten. Und vor allem: Es war kein spontanes Verabreden mehr möglich.

Ich verabrede mich gern zeitnah. Wenn ich besser einschätzen kann, ob ein Kind Ruhe braucht oder Abenteuer. Routine oder Neues. Und das geht am Morgen für den Nachmittag oder umgekehrt am Besten. Maximal eine Woche im Vorraus - und dann oft nur ungefähr. Zeit und Ort? Das lässt sich schnell im Messenger abstimmen, wenn es soweit ist. Dass diese Art zu Planen durchaus auch Risiken birgt, ist uns spätestens seit meiner Reflektion über fehlende Verbindlichkeit bewusst. Und dass das nicht immer der entspannteste Weg ist, wurde mir auch in meiner Offline-Woche deutlich.

Am Donnerstag gingen wir ins Freibad. Als Familie. Ohne Verabredung. Nur die Info an die Nachbarin, dass wir um 8.30 los wollen, falls sie mit möchte. Und siehe da, um 8.30 klingelte es an der Tür. Wir waren nicht fertig. Ich konnte nicht mal eben schnell schreiben, dass es noch was dauert. Und so ergaben sich schon vor dem eigentlichen Vorhaben gute Gespräche. Und, wer hätte es gedacht, noch 3 weitere bekannte Familien begegneten uns im Freibad - ohne Absprache hatten wir einen sehr schönen Vormittag.

Einen Tag später war ich wieder online und allein mit den Kindern im Freibad. Weil ich nicht alleine bleiben wollte, schrieb ich einer Gruppe junger Mütter, ob nicht jemand von ihnen zu uns stoßen möchte. Es kam die automatische Anzeige, dass alle meine Nachricht gelesen haben. Und weiter kam - nichts. Nicht einmal eine freundliche Absage. Nicht einmal irgendeine Absage. Nie. Ich ärgerte mich über diese - wie ich finde - Ignoranz und erinnerte mich an die zuweilen auch Respektlosigkeit, je nach Situation und Einladung, die ich bereits durch fehlende Rückmeldungen zu wirklich herzlichen Einladungen erhalten hatte. Wäre ich ohne weitere Erwartung und Ankündigung einfach gewesen, hätte ich mich nicht geärgert. Nicht einmal kurz.


Doch spontante Verabredung hin oder her - Die meiste Zeit und Wonne rund um mein Online-Leben war und ist: Das Lesen. Stöbern. Scrollen. Ich verbringe unzählige kurze Momente an meinem Handy, um kurz etwas nachzusehen. Ein Rezept zu suchen. Eine Frage zu recherchieren, die mir gerade so in den Sinn kommt. Theorien nachsehen, träumen, planen, spinnen. Und gerne auch in Social Media Kanälen scrollen und anderer Leute Leben beobachten.

Und auch wenn es so abgedroschen scheint und klingt und allen sonnenklar ist: Als das Leben der Anderen, das schnelle Problemlösen, kurze Fantasieren plötzlich nicht mehr möglich war, konnte ich mein Leben wieder klarer sehen.

Wir sehen uns so gern die perfekten kleinen Menschen anderer Leute an. Und deren aufgeräumte Wohnzimmer, durchdesignten Kinderzimmer. Die süßen, selbstgenähten Klamotten. Die aufregenden Abenteuer. Der chaotische Alltag. Die wunderschönen kleinen Momente. Und verpassen dabei uns um selbiges in unserem eigenen Leben zu kümmern.

Wenn meine Kinder spielen, sitze ich stets bei ihnen. Ich bin physisch immer neben ihnen. Egal ob offline oder online. Aber oft nutze ich die 30 Minuten gemeinsame Spielzeit der Kinder um ein wenig zu entspannen. Sitzen. Abschalten. In die Online-Welt abtauchen. Süße Bilder betrachten. Philosophische Liebeserklärungen an kleine Persönlichkeiten und große Lebensveränderungen.

Diesmal sitze ich nicht nur neben ihnen, ich schaue ihnen zu. Sie beachten mich nicht, wie ich sie sonst auch nicht beachte. Wir sind einfach beieinander, ohne miteinander zu sein. Das ist auch schön. Zu wissen: Ich bin geliebt. Ich bin wertvoll. Ich bin angenommen. Ich darf sein. Einfach so. Wie ich bin.

Und dieses unbeschwerte, ungetrübte, völlig losgelöste Sein gießt sich in kleine Gesten und Blicke zwischen zwei unersetzlichen Wesen, die durch meinen Mann und mich in diese Welt gefunden haben. Zwei große Persönlichkeiten, einzigartig unterschiedlich, die miteinander interagieren und dabei so liebevoll, grazil und selbstverständlich sind, dass ich nur staunen kann: Ich darf all' dies sehen. Und tue es doch so oft nicht.

Wie oft schauen wir auf unsere Handys, nur kurz sehen, was es Neues gibt - gar nicht lang - und verpassen doch die kostbaren, kurzen Momente in unserem Leben, weil wir gerade das der anderen betrachtet haben? Unser Leben dokumentiert niemand und stellt es ins Netz. Bezaubernde kleinen Gesten, Blicke, Momente vergehen ungesehen. Viele kleine Schätze, die wir in unserem Herzen sammeln könnten.

Würde ich öfter offline bleiben, wären meine Mädchen und ich nicht nur stets beieinander, in wohliger Nestwärme, sondern öfter auch miteinander. Ein Miteinander, das irgendwann, wahrscheinlich viel schneller als uns endlose Kleinkindertage Glauben machen wollen, wieder weniger wird. Und wir unsere Kinder dann nur noch online treffen können, weil sie nun mehr selbst ihr Leben dokumentieren. Wir uns zurückerinnern und denken: Hätte ich, als sie bei mir waren, doch öfter einmal einfach nur zugesehen.


Die Apps rund um Vitalfunktionen und -intervallen meiner Kinder haben nicht den Weg auf das Ersatzgerät gefunden. Sie werden es auch nicht. Meinen Messenger habe ich aufgeräumt. Unnütze Gruppen, Kontakte und Chats, die mir mehr Frust als Freude machten, wurden geräumt - was Platz schafft für Neues und hervorhebt, was gut tut.

Denn ganz offline will ich nicht leben. Eben weil ich nicht nur Mama in meiner Familie, sondern auch Tochter und Schwester in meiner Herkunftsfamilie bin. Und im Messenger sind wir in unserer Familiengruppe virtuell beieinander. Jeder so für sich. Geliebt. Angenommen. Geborgen. Und wenn etwas Besonderes geschieht, dann zeigen wir es den anderen Familienmitgliedern. Und sind für einen Moment miteinander. Ganz so, wie meine Kinder mein Träumen unterbrechen "Mama, (was) machst du?" Und dann fühlt sich beides wie Familie an: Mein Offline-sein und mein Online-sein - verbunden mit den Liebsten.

Nach der wertvollsten Beziehung der Welt das Wichtigste in meinem Leben.