„Senfglas“ hieß einer der „Abi-Awards“ die wir uns im Jahrgang am Ende unserer Schulzeit gegenseitig verliehen haben. Ich musste erst einmal fragen, was dieser Award bezeichnen sollte. Senfglas: Jeder hält sein Würstchen rein.

Wie erniedrigend. Wie geschmacklos, wie verletzend.

Und doch haben wir es selbst in der Hand, ob wir zulassen, dass diese Geschmacklosigkeiten denkbar für unser Leben sind, oder nicht. Denn in Deutschland haben wir die freie Partnerwahl. Wir selbst entscheiden, wen wir als Partner wählen. Und wie oft.

Als Ehepartner. Als Beziehungspartner. Als Sexualpartner.

Auf wen fällt unsere Wahl?


Mal ganz ehrlich: Welche Frau wünscht sich als kleines Mädchen die zweite Frau im Leben eines Mannes zu sein? Welches Mädchen träumt davon, die Frau für eine Nacht zu sein?

Warum haben wir trotzdem One Night Stands? Warum haben wir Affären? Um uns geliebt zu fühlen? Frei? Begehrt? Aufregend? Oder um Macht zu haben? Herabzusetzen? Das Ego aufzupolieren?

Warum schlafen wir mit Menschen, die wir kaum kennen? Mit Partnern, denen wir misstrauen, die wir belächeln, heimlich verachten? Partner, mit denen wir keine glückliche, wertschätzende Beziehung führen. Partnern, die nicht "Ja, für immer" zu uns sagen.

Egal, in welchen Umständen wir uns entscheiden, Sex zu haben; wir entscheiden selbst, welchen Partner wir dafür wählen. Doch was sind unsere Kriterien, nach denen wir entscheiden, mit wem wir Sex haben, und mit wem nicht? Wem erlaube ich, Intimität mit mir zu teilen? Und warum?

Selbstbestimmtheit ist eine tolle Sache! Ich bin sehr glücklich darüber, dass ich mir meinen Partner selbst aussuchen durfte. So konnte ich den besten aller Männer denen ich je begegnete, heraussuchen. Ich durfte ihn für mich gewinnen, ihn lieben lernen, ihn heiraten. Ich habe gewählt, ich selbst habe bestimmt. (Und er ;))

Schwierig wird es, wenn man von der Selbstbestimmtheit den falschen Gebrauch macht. Wenn wir einen Partner wählen, der uns nicht guttut. Der uns ausnutzt. Der verantwortungslos handelt. Wenn wir einen Partner wählen, den wir selbst nicht Ernst nehmen. Einen Partner wählen, nicht um seinetwillen, sondern aus egoistischen Gründen.


Brauchen wir die Schwachheit des Anderen, um uns stark zu fühlen? Lassen wir uns auf den Anderen ein, um Macht zu gewinnen? Haben wir Spaß auf seine Kosten? Suchen wir ständig nach Bestätigung von Anderen? Wollen wir hören wie attraktiv, wie schön, wie begehrenswert wir sind? Vielleicht sogar nicht nur von einem, sondern von allen?

Sind wir wirklich selbstbestimmt, wenn wir uns entscheiden, immer andere, immer neue Menschen in unsere intimste Zone hineinzulassen? Oder ist es vielmehr unser Bild von uns selbst, unser Selbstwertgefühl und die Vorstellung unseres Werts, das Abhängig machen von der Bewertung der Anderen, die für uns entscheiden?

Auch wenn One Night Stands und Affären keinen Raum in unserem Leben bekommen, sind wir nicht davor gefreit, eine schlechte Partnerwahl zu treffen. Denn egal ob wir das “schnelle Glück” oder “die große Liebe” suchen: Wenn wir unseren eigenen Wert nicht kennen, greifen die gleichen Mechanismen.

Sind wir vom Lob und von der Anerkennung der Männer abhängig, geraten wir leicht an herrische, sprunghafte Männer, um deren Gunst wir ständig kämpfen müssen. Am Anfang schmeicheln sie uns, liebkosen unsere Seelen. Doch die Ansprüche steigen stetig und wir haben es immer schwerer ihr Lob, ihre Anerkennung zu erhalten. Sie nutzen unsere Schwachheit aus, um sich stark und mächtig zu fühlen.

Sind wir hingegen diejenigen, die diese Macht ausüben wollen, geraten wir leicht an charakterschwache, sensible und mitunter kranke Personen. Wir fühlen uns als die Starken, die fähig sind, dem Schwachen zu helfen. Und wissen viel zu selten, dass es nicht so ist. Wir kümmern uns, pflegen und verhätscheln, versuchen dem Anderen ein Weg ins Leben zu eröffnen und machen doch nur abhängig.


Wir glauben, wir handeln selbstbestimmt, wenn wir sagen: Nur heute Nacht. Keine Verbindlichkeit, kein Vertrauen, keine Verpflichtung und keine Verantwortung.

Sex ist Macht. Sex ist Spaß. Sex ist allgegenwärtig. Sex ist beliebt. Sex ist gewollt. Sex ist Haben-Wollen und Geben-Wollen. Sex ist Zeugung.

Wir glauben, wir handeln selbstbestimmt, wenn wir sagen: Ich liebe dich, auch wenn du unperfekt bist. Auch wenn du mich schlecht behandelst. Auch wenn du keine Verantwortung für dich selbst übernehmen kannst. Auch wenn du dein Leben nicht auf die Reihe bekommst. Auch wenn du mich nicht wertschätzen kannst.

Wir kämpfen um die Beziehung, jammern, schreien, streiten, suchen Wege und haben weiter Sex. Weil es dazu gehört. Wir haben One Night Stands, wir haben eine Affäre. Wir haben Sex.

Aber mit was für Menschen haben wir da Sex?

Fremde, Unbekannte, Untreue, Fremdgeher. Partner, die wir noch nicht lange kennen, verantwortungslose Partner, Partner, die uns schlecht behandeln. Partner, die sich selbst und ihr Leben nicht im Griff haben. Partner, denen wir nicht einmal zutrauen würden, für uns ein Gericht im Restaurant auszusuchen?

Wenn du wüsstest, dass der Mensch, mit dem du gleich Sex haben wirst, Vater/Mutter deines Kindes sein wird. Würdest du es immer noch tun?

Sind es nicht gerade One Night Stands, die uns ratlos mit einer ungeplanten Schwangerschaft zurück lassen? Affären? Partner, die uns nicht auf Augenhöge begegnen?

Würde unser Sexpartner ein guter Elternteil sein? Verantwortung übernehmen, sich selbst zurückstellen, da sein, beschützen, pflegen, Ruhe bewahren?

Ernsthaft: Wenn wir an unseren letzten Sexualpartner denken und uns ihn als Vater oder Mutter vorstellen: Ja oder Nein?

Und wenn nicht: Warum haben wir dann Sex mit ihnen? Warum sollten wir "Spaß" mit jemanden haben, denen wir unser Baby nicht anvertrauen würden?

Sind wir es weniger Wert so pfleglich und behutsam behandelt zu werden, wie ein Neugeborenes?

Sex ist nicht nur Spaß. Es ist auch Zeugung. Es ist Eins-Werden. Sex haben heißt auch: Respektvoll mit dem Gegenüber umgehen, mit dem Selbst. Weitreichende Entscheidungen treffen können.

Wen respektieren wir? Mit wem wollen wir Eins werden?


Fünf Fragen sind essentiell, um zu verstehen, was Sex so besonders macht. Fünf Fragen, die beachtenswert sind, ehe wir die Entscheidung treffen, wie wir unser Sexleben gestalten wollen.

  1. Was ist Sex?
  2. Wie funktioniert mein Körper?
  3. Wie funktioniert Verhütung (nicht)?
  4. Mit wem habe ich Sex?
  5. Wann habe ich Sex?

Fünf von mindestens sechs Schritten, die wir gehen, ehe wir vor der Frage stehen: Treibe ich ab?