Es gibt eine Sache, die mich grundlegend an meiner Schwiegerfamilie erstaunt: Sie besteht beinahe ausschließlich aus Weltrettern. Ehrlich. Sie haben für jedes Problem eine Lösung. Nicht irgendeine. Sondern die Lösung. Allerdings nur für eine ultimativ perfekte Welt. In der wir nicht leben. Daher ist sie schön gedacht, aber letztlich nur okay.

Oft beneide ich die Männer dann um ihre Weitsicht, ihre Bildung, ihre Fähigkeit zig "wenn's" und "eventuell's", Möglichkeiten und Verkettungen durchzudenken, zu diskutieren und dann doch zufrieden unzufrieden einig zu werden, dass das Ganze nicht zu lösen sei.

Auch wenn die Themen E-Autos, Computerdatenbanken, Weltpolitik und Spitzensport nicht gerade meine Interessensgebiete berühren, konnte ich bei all' den Diskussionen viel lernen: Es gibt immer noch eine Ebene über oder unter der Ebene, auf der diskutiert wird. Egal wie informiert ich bin, es fehlt immer noch diese eine Info. Und gleich welche Lösung ich finde, sie taugt höchstens für einen Großteil.

Ich bin keine Weltretterin. Wenn ich mir meine Meinung gebildet habe, dann frage ich mich nicht Stunden lang, wie viel Prozent der Weltbevölkerung dieser Meinung zustimmen würden. Oder ob sie tatsächlich die Klügste, Ausgereifteste und Unanfechtbarste von allen ist. Ich würde sagen, ich denke in meinen Möglichkeiten. Und die scheinen sich auf mein Leben zu begrenzen.

Wenn ich beispielsweise sage: Ich bin gegen Besäufnisse, dann meine ich das so. Und dann denke ich an meine Möglichkeiten. Die sind: Ich betrinke mich. Ich betrinke mich nicht. Ich tue meine Meinung kund oder ich behalte meine Meinung für mich. Ist diese Meinung unanfechtbar? Nein. Hat sie alle "eventuell's" und "wenn's" bedacht? Nein.

Ich bin mir bewusst, dass meine Ansichten subjektiv sind und subjektiv sein müssen. Meine Prägung, mein Glaube, meine Erziehung, meine Vergangenheit, meine Erfahrung, mein Wesen formen und schleifen meine Meinungen. Und gerade weil Meinung subjektiv, emotional, geprägt und anfechtbar ist, muss sie gesagt werden.

Nicht, um allumfassend zu sein. Nicht, um anklagend zu sein. Nicht, um unanfechtbar zu sein. Sondern um wahr und ermutigend und wertschätzend zu sein.

Wenn ich sage: Ich bin gegen Besäufnisse, dann sage ich: Ich halte es für keine gute Idee, sich zu betrinken. Die Handlung an sich ist schlecht. Ich sage nicht: Wenn du dich betrinkst, bist du dumm. Sondern du handelst meiner Meinung nach dumm. Ich will dich ermutigen, weise zu entscheiden. Denn ich messe dir und deinen Entscheidungen Wert zu.

Lösungen, Meinungen, Ansichten, Ansätze, Theorien - sie sollen nicht die Welt retten. Sie sollen dich retten. Welche Lehre ziehst du aus dem Gelesenen? Welcher Ansatz berührt dein Leben? Welche Entscheidung möchtest du treffen?

So wichtig und bewundernswert die weitreichenden, gebildeten und umfassenden Meinungen und Diskussionsgrundlagen meiner Schwiegerfamilie auch sind, so bin ich auch froh darum, dass ich Entscheidungen treffen darf, die mich weiterbringen.

Mein Wunsch ist es, dass die Zeit und Kraft, der Schmerz und die Freude, das Aneignen und die Erfahrung, die mich zu meinen Ansichten, Meinungen und Überzeugungen geführt haben, auch dir eine Perspektive eröffnen können und dich weiterbringen.