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Mein verlorenes Kind

Ach so viele bunte Fragezeichen und dann das hohle Echo eines einzigen großen Ausrufezeichens: Missed Abortion. Schon wieder. Vier Tage, nachdem wir erfahren haben, dass unser Kind nicht mehr lebt, habe ich es zur Welt gebracht. Eine Woche vor dem ersten Geburtstag unserer T2. Zwei Geburts-tage im November. Ein Fröhlicher und ein Stiller.


Ich habe viel für dieses Kind gebetet. Dass wir es empfangen dürfen, dass Gott es schützt und erhält. Ich habe mir Vorstellungen gemacht, wie es sein wird. Das Kind. Und das Leben mit diesem Kind. Ich habe Hoffnungen gehabt und sie wieder verworfen. Ich habe meine eigenen Wünsche hinterfragt und reflektiert, woher sie kommen. Habe Gott gebeten alle menschlichen Erwartungen zu nehmen und mich frei und freudig auf dieses Kind einzulassen. Nicht um dieses oder jenes Geschlecht zu bitten. Nicht darauf zu hoffen, dass es jenes oder dieses Temperament haben wird. Je näher unser erster Ultraschall rückte, desto mehr veränderte sich mein Gebet.

Weg von Wünschen, weg von Bitten, hin zu dem immer gleichen Satz: Herr, bereite mein Herz vor. Eine Woche lang. Das letzte aufgeschriebene Gebet vor unserem Termin sprach aus, was wir am Meisten fürchteten: Herr, bereite mein Herz vor. Und wenn unser Kind letztlich nicht mehr lebt, bereite mein Herz vor.


"Jedes Kind ist ein Geschenk, das wir nicht erzwingen können. Jedes Kind ist eine Blume, vor der wir staunend stehen", heißt es in einem der „Kraftfutter-Lieder“ von Daniel Kallauch, die wir oft im Auto hören. Unser erstes und viertes Kind verdorrte, ehe es blühen konnte. Wir können nicht erzwingen, dass es unser Kind bis in unsere Arme schafft - aber wir sind Gewiss, dass es ein Geschenk ist. Ein Geschenk, wie unsere beiden Töchter auch. Und auch über meine ungeborenen Kinder staune ich. Dass sie entstanden sind. Dass ihr Herz zu schlagen begonnen hat. Dass ich sie liebe, obwohl ich nichts über sie weiß. Dass ich sie vermisse, obwohl ich sie noch nie gesehen habe.

Wie gern hätten wir sie kennengelernt! Nun werden meine Hände niemals das kleine Köpfchen halten. Meine Lippen werden nie die Stirn meines Kindes küssen. Meine Stimme wird das kleine Ohr nicht erreichen, meine Augen nie in die meines Kindes blicken. Ich werde nie seinen Namen nennen, seinen Duft riechen, seine Händchen fühlen können.

Welches Geschlecht hätte unser Kind gehabt? Wäre es Ende Mai oder Anfang Juni zur Welt gekommen? Welchen Namen hätte es bekommen? Wie groß und schwer wäre es gewesen? Wie hätten wir die Elternzeit geplant, wie das Leben zu fünft gestaltet? Im Sommer 2020. Wie wäre es gewesen, wenn wir drei Kinder unter drei Jahren gehabt hätten? Drei in Windeln? Wie wäre T2 als große Schwester gewesen? Und wie hätten sich die Beziehungen zwischen den Dreien gestaltet? Hätten wir uns als Familie komplett gefühlt? Wie wäre es für meinen Mann, drei Kinder vor seinem dreißigsten Geburtstags zu haben? Wie wäre es gewesen, nächsten Sommer ein Neugeborenes zu haben? Wie wäre es gewesen eine ganze Schwangerschaft mit einer Freundin zu teilen? Gemeinsam das Wochenbett zu verbringen, je zwei Kinder in gleichem Alter zu haben? Und wie wäre dieses, unser viertes, Kind wohl gewesen?


Fragen, die nachdenklich und traurig machen. Fragen, die die Leere ausdrücken, die wir an jenem Tag auf dem Bildschirm der Ärztin sahen und ungewollt in unseren Herzen mit in unser Zuhause trugen. Diese große, schwarze Höhle, in der viel zu klein und leblos unser kleines Kind lag. Diese traurige Stille, die sich wie ein enges Band um mein Herz schnürt. Mein Herz, das vorbereitet war.

Denn im Angesicht der bedingungslosen Liebe zweier Eltern werden diese traurigen Fragen nichts als blasse Ahnungen. Was macht das schon - ob unser Erstes und Viertes ein Junge, oder ein Mädchen, blond oder brünett, wild oder leise, lustig oder ernst gewesen wäre - wir hätten sie nicht mehr oder weniger geliebt, als in dem Moment, in dem wir von ihnen erfahren haben. Nicht mehr oder weniger, als in dem Moment, als wir gesagt haben: Wir wollen dieses Kind. Wir haben es uns gewünscht. Wir haben es aufgeregt, erfreut, hoffnungsvoll empfangen. Es ist unser Kind. Und wir werden es immer lieben.

Ich brauche mich nicht zu fragen warum. Warum passiert das? Warum wir? Warum nochmal? Warum jetzt? Was habe ich falsch gemacht? Was macht das mit meinem Wert? Was macht das aus meiner Zukunft?

Solche Fragen sind nicht wichtig. Ich habe nichts falsch gemacht und über unsere Zukunft als Familie sagt es nicht viel aus. Manches wird später einmal möglich sein. Manches wird niemals eintreffen. Das Kennenlernen dieses Kindes. Wir werden dieses Kind nicht bei uns haben. Wir werden nächsten Sommer überhaupt kein drittes Kind haben. T2 wird vorerst große Schwester eines ungeborenes Kindes sein, wie T1 kleine Schwester eines ungeborenen Kindes ist.

Vier Kinder haben wir. Vier Kinder, die wir in unserem Herzen tragen. Zwei Kinder, die wir geboren und geborgen in unserem Armen wissen. Und zwei Kinder, die wir auf dieser Erde verloren und im Himmel gefunden und geborgen wissen.


Der Dieb kommt nur, um zu stehlen, zu töten und zu verderben; ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es im Überfluss haben. - Joh 10,10 Schlachter 2000

Aber ich weiß, dass mein Erlöser lebt! - Hiob 19, 25a Luther 2017

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Kostbar

Kostbar

Weiblich, Achtundzwanzig, Ehefrau, Mutter, Freundin. Literaturwissenschaftlerin mit einem großen Herzen für (Gottes) Worte und junge Menschen, Familien und andere Kostbarkeiten.

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