| Lesens- & Lebenswertes

Loslassen.

In der Stille begegnen uns unsere Träume und Wünsche, Hoffnungen. Einige von ihnen sind in den letzten Wochen und Monaten vielleicht zerplatzt. Sie haben sich als unerreichbar, als Täuschung oder Irrweg heraus gestellt. Sie rücken in unerreichbare Ferne. Irgendwie ahnen wir, dass wir nicht (mehr) auf sie zugehen sollten - irgendwie können wir es dennoch nicht unterlassen.

Ein Plan, ein Mensch, ein Umstand ist schwer loszulassen, wenn wir ihn bereits liebgewonnen haben. Viele Bilder und Reden, gerade im christlichen Kontext, vergessen diesen Umstand und lassen den Loslassenden in dieser sensiblen Phase allein. Bilder, wie von dem kleinen Mädchen, dass ihren Teddy abgeben soll, führen uns (nur) vor Augen, dass das Loslassen lohnend ist. Sie bagatellisieren jedoch den Akt, den Prozess des Loslassens. Wir sehen das Mädchen, dessen kleiner Teddy gefordert wird, von einem kniendem Mann, der einen viel größeren Teddy hinter seinem Rücken bereit hält. Er fordert blindes Vertrauen und verspricht reichlich Belohnung. Und ich glaube daran, dass jeder Vertrauensschritt lohnend ist! Dennoch, es geht nicht immer im Leben um "klein" und "groß". Selbst wenn das Mädchen bereits wüsste, dass sie einen größeren Teddy erhalten würde, würde sie zögern. Denn ihr kleiner Teddy ist eben nicht nur klein - sondern auch ihr Teddy. Ihr Wegbegleiter und Tröster, ihr Vielgeliebter. Unsere Pläne und Wünsche sind nicht bloße Ideen. Monate, vielleicht jahrelang haben sie uns begleitet. Wir haben mit ihnen Veränderung erlebt, sie weiterentwickelt, angepasst. Wir haben sie in den schönsten Farben ausgemalt. Sie schenkten uns Motivation, wenn es gerade schwierig war, Trost, wenn Rückschläge erlitten wurden und neue Hoffnung, wenn etwas nicht wie gewünscht lief.

Ob wir seit unserer Fehlgeburt weiter versuchen schwanger zu werden, wurde ich oft gefragt. Und ich freue mich über diese Frage. Über eure Anteilnahme und das Interesse! Nein, nein wir haben es seither nicht wieder versucht. Und es gibt noch keinen Plan, ob und wann wir es wieder wagen wollen. Mir fällt das schwer. Diese Vorstellung von unserer Familie, eine Familie mit drei Kindern, loszulassen. Die Vorstellung von einer Familie mit drei kleinen Kindern. Drei Kindern mit geringem Altersabstand. Ich trauere nicht nur um mein Kind, das in rund drei Wochen zu uns gestoßen wäre, ich trauere auch um mein Traumbild von meiner Familie. Monat für Monat rechne ich aus, wie alt meine Kinder bei der Geburt des Geschwisterchens wären, würde ich in diesem Zyklus schwanger werden. Und doch bleibt es Vorstellung. Es ist nicht dran. Unsere Familie ist auch ohne weiteres Kind lebenswert. Oder mit einem Nachzügler. Wahrscheinlich tut es uns als Familie gut, durchzuatmen. Und doch ist es nicht das, was ich mir jahrelang ersehnt habe.

Die Aussicht auf etwas "Besseres" kann nur den locken, der sein Herz nicht völlig an seinen eigenen Plan verloren hat. Und wer einmal den schmerzlichen Prozess des Loslassens durchlitten hat, der ahnt, dass das "Bessere" ebenfalls von ihm gefordert werden kann. Er wird sein Herz so schnell nicht wieder an etwas hängen, das keinen Bestand hat. Jemand, der immer wieder loslässt um nach "Besserem" zu greifen, empfindet entweder keinerlei Wertschätzung für das, was ihm geschenkt ist, oder aber, und das muss das komplette Gegenteil sein, hat begriffen, dass Geschenke nicht mehr als eben dieses sind: Unverdientes.

Es ist allzu menschlich sich an seinen Geschenken zu erfreuen und sich ganz in diesen zu verlieren, als dies zurückzugeben, was dem Schenkenden das größte Geschenk wäre: Beachtung, Dankbarkeit. Wie gern wird jemand wieder schenken, wenn er sieht, dass der Beschenkte Freude hat und dies in Dankbarkeit und Wertschätzung ausdrückt. Und wie unerschöpflich wird diese Beziehung sein, wenn das Gegengeschenk stets gemeinsame Zeit und Freude stiftet. Nein, das Bild von dem Mädchen mit dem Teddy kann mir nicht gefallen. Es stellt das Geschenk, das nie mehr als Ausdruck von Liebe sein kann, in den Vordergrund, nicht den Schenkenden.

Letztlich kann uns kein "besseres" Ziel locken, kein Lebensentwurf erstrebenswerter erscheinen, kein Plan liebenswert vorkommen, sofern wir unsere Pläne, unsere "Geschenke" noch mehr lieben, als den Schenkenden. Die Aussicht darauf, dass Gott es gut mit uns meint, besteht nicht neben der starken Überzeugung, wir hätten den richtigen Weg bereits beschritten. Die Vorstellung, Gott hätte den perfekten Plan für unser Leben, verblasst neben unserer verbohrten Annahme, wir wüssten bereits, was gut für uns wäre. Was uns entspräche.

Brach die Stille über uns ein, ohne dass wir ihr viel entgegenzusetzen hatten, so wartet das Loslassen darauf, von uns getätigt zu werden. Unsere Finger, die sich fest und krampfend in unsere Handflächen bohren, die Faust, die schon zittert, so fest schließen wir sie, müssen sich öffnen. Die Kraft, die wir in das Festhalten investieren muss schwinden, die Muskeln sich entspannen. Ehe sie sich wieder spannen, um die Finger zu strecken, die Handflächen zu drehen. Nur wer loslässt, die Faust löst, kann die Hände öffnen, Neues empfangen. Auch, wenn das bedeutet, zunächst mit leeren Händen zurückzubleiben.

Loslassen bedeutet abermals warten. Nicht auf das Erreichen des gesetzten Ziels. Nicht auf das nächste Ziel. Nicht auf das dritte Kind. Sondern auf den, der schenkt. Loslassen ist nicht das Greifen nach dem Neuen. Loslassen ist nicht das Umdenken, neue Wege gehen. Loslassen ist (blindes) Vertrauen. Aushalten der Leere. Und hoffen. Hoffen auf den, der lebt.

Lasst uns unsere Hände öffnen, unsere vielgeliebten Pläne ablegen. Nicht nach Neuem greifen, auf den großen Teddy hoffen. Sondern auf den Schenkenden, auf Gott. Und dann unsere Hände nach ihm ausstrecken, seine Hand umschließen und nicht mehr loslassen.

Lesens- & Lebenswertes
Kostbar

Kostbar

Weiblich, Achtundzwanzig, Ehefrau, Mutter, Freundin. Literaturwissenschaftlerin mit einem großen Herzen für (Gottes) Worte und junge Menschen, Familien und andere Kostbarkeiten.

Schreibe mir