Die letzten Wochen waren hart. Mein Mann würde von Tagen sprechen, aber es zog sich und zieht sich hin. Die Kinder sind krank. Erst war es T2, einige Tage später erwischte es T1 und wiederum einige Tage später wurde auch ich krank. Ohne, dass die Erste zwischenzeitlich genesen war. Wir waren also krank. Tagelang.

Kranke Kinder zu haben ist ein immenser Kraftakt. Kinder haben ohnehin schon viele Bedürfnisse über den Tag: Gewickelt werden. Essen zubereitet bekommen. Die Möglichkeit bekommen sich zu erholen und/oder zu schlafen. Zu trinken. Zu spielen. Zu kuscheln. Wenn Kinder krank sind vervielfachen sich die Bedürfnisse. Und mitunter möchte das Kind kuscheln UND gewickelt werden und dabei etwas trinken.

Hat man zwei - nun ja. Und hat man dabei Kopf- und Gliederschmerzen - tja. Wir geben unser Bestes, natürlich, aber irgendwann haben auch wir unsere Grenzen erreicht. Die Tage sind lang und hart. Und auf der einen Seite so hektisch und arbeitsintensiv, auf der anderen Seite aber ebenso endlos langweilig und eintönig, weil man nicht unter Leute gehen kann. Körper und Psyche leiden gleichermaßen. Die Nächte sind nicht erholsam. Eines der beiden Kinder ist immer wach und braucht elterliche Liebe. Man selbst kommt nicht zur Ruhe, der Körper erhält keine Möglichkeit zur schnellen Genesung.

Während T1 vor allem Kuscheln, Schnullern, Händchen halten möchte, wenn sie krank ist, äußert T2 permanent, dass sie sich unwohl fühlt. Jedes Zwicken im Bauch, jedes Kratzen im Hals, jeder laufende Schnodderstrom aus Nase, Augen, Mund wird durch ein schrilles, jäh abfallendes Jaulen begleitet. Zu Spitzenzeiten etwa alle 3-4 Minuten. Das Essen, was bei ihr Ohnehin schon schwierig ist, wird für mich zur reinsten Nervenprobe. Wann fliegt der erste Teller, wann schwirrt das Essen durch die Luft. Wann klettert sie aus dem Stuhl - und jammert dennoch, dass der Magen leer bleibt.

An Tag 11 kann ich nicht mehr an mich halten. Ich bin durch. Und T2 schlägt mir alles aus der Hand, was ich ihr anbiete. T1 plappert unverändert fröhlich, dass sie jetzt ein Butterbrot möchte und nun eine Gurke und gleich noch ein Stück Ziegenkäse - und ich habe noch gar nichts gegessen. Eine Mischung aus purer Erschöpfung, Hungerzorn, Verzweiflung und nichts als Wut bricht sich lauthals Bahn. Ich schreie meine Kinder an. Eigentlich brülle ich regelrecht. Dass ich den ganzen Tag und die ganze Nachts nichts anderes tue als es ihnen irgendwie angenehm zu machen und ich dafür gar nichts, nichts, überhaupt nichts bekäme und immer nur auf mehr Ablehnung durch T2 und mehr Ansprüchen von T1 stieße. T2 brüllt zurück und T1 schaut mich verunsichert an. Und ich ärgere mich. Nicht nur über mich, weil ich meine Kinder anschreie. Sondern auch darüber, dass sie nichtmal verstehen, warum ich so wütend bin.

Minutenspäter sind die Mägen dann doch voll und auch die Windeln. T1 zu wickeln geht schnell, T2 zu wickeln ist zur Zeit wie Ringen mit einem Krokodil. Einem schreienden Krokodil. Ich lege sie hin, wickele sie so schnell und gut es geht und ernte, als ich ihr die Hose wieder anzog, statt dem erwarteten Gebrüll das allererste, piepsig hingehauchte "Mammmmma".

Und wieder kann ich nicht an mich halten. Ein wenig bricht mir das Herz und die Tränen fließen nur so aus den Augen. Oh ja. Ich bin doch ihre Mama. Sie hat doch niemanden außer mich, an den sie sich tagsüber wenden kann. Wem soll sie sonst sagen, dass der Hals wehtut? Die Windel voll ist? Es unangenehm ist, ausgezogen, gewickelt zu werden, obwohl die Glieder schmerzen, die Haut empfindlich ist? Ich nehme beide meine Kinder auf den Schoß und drücke sie fest an mich und weine. Und weine. Und weine.

Einige Minuten später sitzen wir im Kinderzimmer. Die Mädchen spielen und ich starre auf das Bild, dass eine Freundin auf meinen Wunsch für uns angefertigt hat. In schönstem Handlettering steht dort: Du bist schön. Du bist klug. Du bist wertvoll. Du bist geliebt.

Wieder kämpfe ich mit den Tränen. Niemals, nie werde ich meinen Töchtern gerecht werden können. Niemals, nie werde ich eine perfekte Mama sein. Die ihre Kinder liebt, bedingungslos, zu jeder Zeit. Die immer geduldig und verständnisvoll auf ihre Bedürfnisse eingeht. Die ihnen zeigt, wie wertvoll und geliebt sie sind. Niemals nie werde ich stets selbstvergessen für sie da sein.

Ich lese die Worte immer wieder in meinem Kopf. Nicht immer, aber immer wenn ich daran denke, sage ich meinen Töchtern genau diese Worte, wenn ich sie zu Bett bringe. Oder wenn sie vor Herausforderung stehen. Wenn sie etwas nicht geschafft haben, wenn sie getröstet werden wollen. Und jetzt? Wie sollen sie mir glauben, dass sie kostbar sind, wenn ich sie anschreie, abweise, ihre Bedürfnisse nicht verstehe. Diese gutgemeinten Worte führen mir mein eigenes Versagen vor Augen. Bis...

...ja, bis mir plötzlich klar wird, warum mir diese Worte für meine Töchter so wichtig geworden sind. Weil sie einst mir zugesprochen wurden. Weil sie mir genauso gelten. Weil sie uns als Müttern und Vätern, als Frauen und Männer, als Töchter und Söhne, als Schwestern und Brüder, als Freundin und Freund gelten.

Ich bin klug, auch wenn ich nicht immer klug handle. Ich bin schön, auch wenn ich fettige Haare, verquollene Augen, eine laufende Nase und eine kratzige Stimme habe. Ich bin wertvoll, auch wenn ich seit Tagen nichts anderes tue, als ums Überleben zu kämpfen. Ich bin geliebt, so sehr geliebt, obwohl in den vergangenen Tagen beinah alles falsch und unzureichend gemacht habe.

Nur wenn und weil ich begreife, dass all' diese guten und wahren Dinge auf mich zutreffen, kann ich sie auch weitergeben. Ich bin keine Super-Mama. Meine Nerven liegen irgendwann blank. Meine Kräfte sind aufgebraucht, mein Körper erschöpft, meine Seele hungrig. Aber ich darf und werde immer wieder zu der Quelle zurückkehren, die mich so nimmt, wie ich bin: Erschöpft, wütend, verzweifelt, traurig, krank, ausgelaugt, verletzt.

Da sind immer Menschen, die gut über uns denken: Unsere eigenen Mütter und Väter. Unsere Schwiegerfamilien, unsere Freunde und ganz sicher: Unsere Kinder. Und allen voraus, ist es Gott, der all' das in Perfektion beherrscht, worin wir immer wieder scheitern. Der die Arme weit öffnet und sagt: Lass gut sein, ich kümmere mich darum. Ruh dich aus, mein kluges, schönes, wertvolles und heißgeliebtes Kind.

Wir sind nicht perfekt. Wir machen nicht immer als richtig. Aber oft. Und in den Zeiten, in denen wir es nicht tuen, passt Gott auf uns und unsere Kinder auf.

Und zwei Tage später sitze ich wieder mit meinen Töchtern gemeinsam im Wohnzimmer. T2 räumt die Regale aus. T1 wickelt behutsam ihre Puppe. Streichelt ihr über den Bauch und sagt mit sanfter Stimme "Du bist ein kluges Mädchen. Und du bist lieb und du bist wertvoll." Und ich schmelze dahin und meine Augen füllen sich mit Freudentränen. Auch, wenn wir unseren Kindern manchmal Unrecht tun und die Nerven verlieren – die Liebe, die wir ihnen tagtäglich zusprechen, pflanzen wir tief in ihre Herzen.