Als mein Vater mich den kurzen Gang zum Altar unserer Gemeinde hinab führte und ich voll Freude gebannt auf meinen Dann-Mann blickte, dachte ich nur ganz kurz daran, dass nun ein magischer Moment folgen wird: Die Übergabe meiner Selbst. Von meinem Vater, an meinen Mann.

Was in YouTube-Videos mächtig aufgebauscht auf die Tränendrüse drückt, gestaltete sich in meinem Leben ganz simpel. Ein ernster Blick, ein Nicken - und schon war mein Vater auf dem Weg zu seinem Platz.

Eine Zeit lang habe ich darüber nachgedacht, ob er nicht hätte feierliche Worte sprechen müssen. Oder ermahnende. Oder ermutigende. Oder überhaupt irgendwelche.

Heute denke ich, er hat viel mehr verstanden, als ich. Denn seine Übergabe war nicht die von einem Vater an den Schwiegersohn, sondern von einem Mann an einen Mann. (Und das ist bekanntlich ziemlich wortkarg.)


Als ich vor drei Monaten meine vier Monate alte Tochter anblickte wusste ich, dass uns ähnliche Momente bevorstehen. Nach und nach wird sie selbstständiger werden und eigene Entscheidungen treffen, auf anderen Wegen gehen, als ich sie ihr eröffne.

Das kann einen als Mutter wehmütig machen. Genauso wie es als Vater sicher nicht einfach ist, die Tochter in die Hände eines anderen Mannes zu geben.

Doch mein Vater hatte begriffen, dass dieser Wehmut nicht angebracht war. Denn als ich mit 23 Jahren vor den Altar trat, war ich längst kein Kind mehr, sondern eine eigenständige junge Frau. Ich bleibe seine leibliche Tochter, aber ich treffe meine eigenen Entscheidungen. Er hat keinen Anspruch auf mich, mein Wesen, mein Leben - aber er kann als verheirateter Mann einen Rat an den heiratenden Mann weitergeben.


Schon heute, wo unsere Tochter noch schutz- und hilfsbedürftig ist, weiß ich: Ich bestimme nicht über sie als Mensch, als Individuum. Ihre zarte Person ist mir anvertraut und ich habe für ihr Wohl und Gedeihen zu sorgen - nicht aber für ihre Neigungen, Wünsche und Ziele, ihren individuellen Lebensweg.

Als Mutter möchte ich ihr Werte vermitteln, die mir wichtig sind. Meinen Glauben teilen, ihr die Welt erklären und ihr zu einem reifen Charakter verhelfen. Ich will sie auf die Art pflegen, die ich als die Beste empfinde, sie vor Gefahren schützen, ihr Dinge ermöglichen, die ich als wertvoll erachte.

Aber ich weiß, dass sie nicht mir gehört.

Ich habe kein Recht ihr meine Vorlieben für Musik, Film, Kunst, Spiele und Aktivitäten aufzuzwingen. Ich bin nicht im Recht, wenn ich versuche ihr einen Beruf anzudichten, ein Hobby auszusuchen oder die Lieblingsfarbe zu bestimmen.

Es ist unsere Verantwortung, unserem Kind bestimmte Dinge zu ermöglichen und andere wiederum auszuschließen. Denn mit jedem Alter reifen Fähigkeiten erst heran.

Wenn meine kleine Tochter Interesse am Essen zeigt, dann möchte ich ihr Essen geben. Sie wird eine Nudel, ein Stück Gemüse, ein bisschen Fisch oder Fleisch neugierig betasten, es kosten und dann auch wieder das Interesse verlieren. Aber ich ermögliche ihr, die Welt auf ihre Art kennenzulernen.

Wenn sie nach einer Peperoni, Zwiebel oder Zitrone verlangt, werde ich sie ihr dennoch nicht geben. Weil sie die potentielle Gefahr, die davon ausgeht, noch nicht einschätzen kann.

Je älter sie wird, desto weitreichender werden ihre Entscheidungen sein. Und desto größer wird meine Verantwortung, sie in ihren Entscheidungen zu unterstützen, zu ermutigen oder zu ermahnen. Und wenn es ganz arg wird, dann auch zu verbieten. Denn solange mein Kind minderjährig ist, trage ich die Verantwortung für ihre Entscheidungen.

Doch das sollte die Ausnahme bleiben. Denn als Mutter will ich in erster Linie befähigen, ermutigen, gedeihen und aufblühen lassen, was Gott in mein Kind hineingelegt hat.

Immer, wenn unser Kind uns etwas deutlich macht, etwas zeigt und fordert, dass es offensichtlich nicht von uns hat, dann dürfen wir innehalten, einen Schritt zurücktreten und sagen, fühlen, denken: Wow, das ist ein Kind Gottes. Eine junge Frau/ein junger Mann, den Gott geschaffen hat. In Liebe.

Und mir hat er sie/ihn anvertraut.

Wir halten eine Person in Händen, die so kostbar ist, dass Gott seinen Sohn für dieses Kind opferte, sterben ließ, damit dieses leben kann! Was für ein Geschenk!

Gott hat die weiteren Wege unserer Kinder schon lange vor ihrer Geburt vorbereitet. Schon heute wissen wir, dass sie eigene Schritte gehen werden und großartige Dinge vollbringen werden, über die wir staunen, derer wir uns aber nicht rühmen dürfen.

Als Mütter und Väter haben wir die Verantwortung für unsere Kinder und ihre Entwicklung, ihre Erziehung. Aber wir haben keine Besitzansprüche.

Wir haben kein Anrecht auf das Wesen unseres Kindes.

Unser Kind wird heranwachsen, Fähigkeiten erlernen, Entscheidungen treffen, die Welt bereichern, die Welt verändern. Und wir dürfen dazu beitragen, dass es für diese Aufgabe optimal vorbereitet ist. Indem wir es lieben.

Nicht als Projektionsfläche unserer gescheiterten Wünsche und Lebensziele. Nicht als Erfüllung unserer Sehnsüchte, Träume und Selbstverwirklichungsfantasien.

Sondern als Person. Als Individuum.
Als Kind Gottes.