| Alltagswert(e)

Kostbarzeit

Über Zeit habe ich schon geschrieben. Und darüber, wie wir Prioritäten setzen. Irgendwie hat es auch mit Ziele erreichen und Produktivität zu tun.

Heute schreibe ich über Freiheit.

Mein Ziel war es bis zur Geburt unserer zweiten Tochter jede Woche einen Blogeintrag zu verfassen.

Ich erreiche gerne Ziele. Und ich empfinde es immer als sehr unangenehm, wenn Ziele nicht erreicht werden. Dieses Ziel habe ich nicht erreicht. Es fühlt sich nicht unangenehm an. Es fühlt sich wie ein kleiner Sieg an.

Denn ich habe mir die Freiheit genommen, eine Sache zu unterlassen, die ich mir fest vorgenommen habe. Ich habe ein Ziel nicht erreicht. Ich habe einfach keinen Blogartikel mehr geschrieben. Nicht weil etwas "schief" lief oder läuft. Einfach so.


Zugegeben, nicht ganz "einfach so". Schon gar nicht, um es einfach nicht zu tun. Es hätte auch ein Ziel sein können: Ein Ziel nicht zu erreichen. Ganz so rühmlich ist es nicht. Es ist ganz einfach: Ich habe nicht mehr geschrieben, weil ich dafür weder Zeit noch Kraft aufwenden konnte.

Es ist nichts "schief" gelaufen. Ich habe nicht "falsch" kalkuliert.

Das Jahr Elternzeit meines Mannes ist mit dem ersten Geburtstag unserer Tochter zu Ende gegangen und ab sofort war und bin ich tagsüber allein mit meinen Töchtern. Während mir Tochter Nr. 2 ohnehin noch niemand abnehmen kann, fehlte nun aber der Papa, der Tochter Nr. 1 gelegentlich allein unterhielt. Zwei Stunden auf den Spielplatz gehen, damit ich in Ruhe meine Gedanken niederschreiben kann, das reichte schon. Nun, jetzt tut dies niemand mehr. Und so ist mein kleines Zeitfenster, dass nur für mich und diesen Blog reserviert war, geschlossen.

Und das ist okay so.

Denn dieser Blog soll inspirieren. Soll Mut machen, soll zeigen, wie kostbar wir und unser Leben ist. Kein loses Plappern, keine aufwendig recherchieren Fakten, keine News, kein Life-Style, kein Mama-Alltag-Blog. Ein Kostbar-Blog. Und Kostbares... das habe ich gerade Zuhause: Zeit mit meiner kostbaren Tochter. Und wenn diese ins Bett geht, Zeit mit meinem kostbaren Mann. Und zwischen diesen beiden Kostbarkeiten gibt es gerade keine weitere Zeit.


Denn die Zeit, die ich mit meiner Tochter habe, will ich ihr so gut es geht widmen. Will mit ihr spielen, will sie nähren und pflegen und ihr die Welt erklären. Ich will ihr meine Aufmerksamkeit schenken, ich will ihr Dinge zeigen, die ihr Freude machen. Ich will mit ihr lernen und kuscheln. Den Haushalt bewältigen und das Leben meistern.

Ich möchte sie nicht "abstellen", damit ich euch erzählen kann, wie wundervoll das erste Babyjahr ist. Auch wenn ich es euch irgendwann erzählen will - nicht auf Kosten meiner Tochter.


Wenn meine Tochter schläft, schlafe auch ich. Denn mein Körper ist kostbar. Und er braucht, jetzt wo er wieder ein kleines Menschlein produziert, viel Ruhe. Viel Schlaf. Und diesen gönne ich ihm, wann immer es ihm möglich ist.

Ich lasse keinen Mittagsschlaf aus um euch zu erzählen, wie wundervoll eine Schwangerschaft sein kann... auch wenn ich es euch irgendwann erzählen will - nicht auf Kosten meiner ungeborenen Tochter und meines Körpers.


Am Wochenende könnte ich meinen Mann als Babysitter einteilen. Könnte ihm "das Kind aufs Auge drücken" und sagen: Ich muss für meinen Blog schreiben. Könnte ich. Dann würde ich euch erzählen können, wie wertvoll Stunden und Aktivitäten zu Zweit sind. Respektvoller Umgang mit den Ressourcen und Bedürfnissen des Ehepartners.

Das möchte ich noch tun. Aber nicht auf Kosten meiner Ehe.


Gerade ist Kostbar-Zeit. Zeit für meine drei Kostbarkeiten Zuhause (und in meinem Bauch). Zeit für das, was nicht warten kann. Anders als das Aufschreiben all' dieser wertvollen Momente, die ich noch mit euch teilen möchte - wenn wieder Zeit dafür ist.

Kostbar-Zeit ist Freiheit.

Die Freiheit, das Ziel schon zu sehen und doch einen Umweg einzuschlagen. Oder stehen zu bleiben. Durchzuatmen. Auszuruhen.

Die Freiheit, Momente anzunehmen und sich daran anzupassen. Ohne zu Versagen. Ohne zu Scheitern. Sondern zu gewinnen: Kostbare Momente, wertvolle Zeit.

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Weiblich, Achtundzwanzig, Ehefrau, Mutter, Freundin. Literaturwissenschaftlerin mit einem großen Herzen für (Gottes) Worte und junge Menschen, Familien und andere Kostbarkeiten.

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