Meinen ersten Freund habe ich als recht aufdringlich empfunden. Wir sitzen in einem Linienbus auf dem Weg zum Bahnhof. Er war das Wochenende bei mir und fuhr nun wieder heim. "Ich will dich" flüstert er mir ins Ohr. Das Blut schießt mir in die Wangen. Bitte... was? Ich schaue ihn verunsichert an. Er wiederholt seine Worte. "Das geht nicht..." zischel ich und schaue mich um, ob uns jemand gehört hat.

Meine Jungfräulichkeit war mir wichtig. Und wenn mein Freund meint, er müsse nach zehn Monaten Beziehung bereits aufs Ganze gehen, dann steht er mit dieser Meinung alleine da. Ich war immer sehr stolz darauf, Jungfrau zu sein. Und auch, dass mein Freund das akzeptiert hat. Obwohl er meine Meinung nicht teilte.


Mein erstes Mal füllt mehrere dicke Akten und liegt irgendwo in einem Jugendgerichtsarchiv. Da gab es noch jemanden, der meine Meinung nicht teile. Aber dieser akzeptierte sie nicht.


Danach dreht sich alles im Kreis. Etwas in mir war kaputtgegangen. Eine Tür wurde eingetreten und dabei so schwer beschädigt, dass in den Angeln nur noch abgewetzte Splitter hingen. Der Raum wurde aufgebrochen und ausgeraubt. Zurück bleibt ein dunkler, kalter Ort.

Mein Freund dringt in ihn ein, verhängt ihn, dass keiner hineinblicken kann. Und beginnt ihn neu zu füllen. Mit Schuldgefühlen, Anklagen, Ansprüchen und Forderungen. Und dem falschen Versprechen von Sicherheit. Er trägt alles hinein, was er möchte, die Tür ist kaputt, nichts ist da, was ihn aufhalten könnte.

Es vergehen Jahre und der Raum schwillt an. Auf jede Anklage kommt ein Stapel Besserwisserei, auf jede Forderung eine Kiste Zwang. Das Versprechen von Sicherheit wurde zwei, dreimal umgestoßen und notdürftig geklebt. Die Schuldgefühle ziehen von einer Kommode in einen geräumigen Schrank um - es sind einfach zu viele geworden. Die Ansprüche werden täglich abgestaubt und um einen ergänzt.

Alles schmerzt und alles fühlt sich taub an. Ich erkenne diesen Raum nicht mehr und habe auch keine Verbindung dazu. Es fühlt sich lästig an. Falsch. Als dürfte es gar nicht da sein. Fremd. Etwas, was versehentlich an mich geraten ist. Aber eigentlich kein Teil von mir ist.


Der Wert, den ich meinem Körper beigemessen hatte hing an einem einzigen Attribut: Jungfräulichkeit. Und als dieses Attribut zum geforderten Tribut wurde, verlor er in meinen Augen an Wert. Und ich ließ zu, dass Dinge mit meinem Körper geschahen, die seinem Wert nicht angemessen waren.

Nicht jedem von uns ist die Jungfräulichkeit ein großes Anliegen. Einige haben mehr mit ihrem Gewicht zu kämpfen. Wir stellen uns auf ein kaltes Quadrat und fürchten uns vor digitalen Zahlen. Ein Wert ersetzt den anderen.


Allzu schnell vergessen wir, welchen Wert unser Körper wirklich hat. Ein Geschehen, eine Zahl, ein Wort, ein Gedanke und schon tritt anstelle des Eigenwerts die Abhängigkeit von Dritten. Welchen Wert messen sie meinem Körper zu? Was muss ich tun, damit sie mich akzeptieren?

Wir lassen zu, dass Dinge mit unserem Körper geschehen, die seinem Wert nicht angemessen sind.

Wir hungern. Wir kommen nicht von der Couch runter. Wir lassen uns berühren. Wir verletzen uns. Wir essen mehr als wir Hunger haben. Wir treiben unseren Körper über seine Belastungsgrenze hinaus. Wir schlafen nicht. Wir lassen uns küssen. Wir betrinken uns. Wir nehmen Drogen. Wir geben uns (Fremden) hin.

Wir glauben, dass sie es wertschätzen. Es für sie einen Wert hat. Ihre Reaktion bestimmt unseren Selbstwert.


Ich ziehe einen Schlussstrich.

Ich schmeiße all das Gerümpel aus dem Raum, reiße die Vorhänge von den Fenstern und öffne die Fenster weit. Ein warmer Wind strömt durch die leeren Türangeln und nimmt allen Staub, allen Rest mit sich fort.

Der Raum ist wieder leer. Ich stehe in der Mitte und weine vor Glück. Mein Körper gehört mir. Ich entscheide, was ich damit machen möchte und was nicht.

Und als erstes möchte ich eine Tür. Also wende ich mich an den Zimmermann meines Vertrauens. Damit das, was draußen bleiben soll, draußen bleibt.

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Der Wert unseres Körpers hängt nicht an Reaktionen, Zahlen, Meinungen, Handlungen und Reflektionen. Er ist da.

Dein Körper ist kostbar.
Er ist es wert, gepflegt zu werden. Er ist es wert, genährt zu werden. Er ist es wert, geheilt zu werden. Er ist es wert, bewegt zu werden. Er ist es wert, zur Ruhe zu kommen. Er ist es wert, unberührt zu bleiben.

Wir entscheiden, ob wir diesen Wert anerkennen.