Zwei Jahre.

Was hat sie nicht alles gelernt? Sitzen, krabbeln, laufen, rennen, klettern, rutschen, schaukeln, Laufrad fahren, schieben, ziehen, drücken, hüpfen, springen, rückwärts gehen, im Kreis drehen, Purzelbäume und "Aschbombe", Trampolin springen und Sandkuchen backen. Tisch decken, Müll trennen, Spülmaschine ausräumen, Waschmaschinen beladen und bedienen, Einkäufe fachmännisch begleiten. Sprechen, singen, Geschichten erzählen. Bitten, danken, fragen. Zusammenhänge erkennen, Erinnerungen abrufen, Regeln verstehen.

Kaum zu fassen, aber meine kleine große Tochter ist schon, oder in Anbetracht dessen, was sie schon alles kann erst, zwei Jahre alt! Was für ein kleines Wunder, über das wir tagtäglich staunen durften und immer noch dürfen. Und einmal mehr erkenne ich an ihrem Geburtstag: T1 ist eine kleine Seele mit einem außergewöhnlich großem Herzen.

Schon als kleines Baby war sie sehr ausgeglichen. Sie schrie nie. Nicht wenn sie müde war, nicht wenn die Windel voll war, nicht wenn ihr langweilig wurde, nicht wenn wir den Raum verließen. Nur wenn sie Hunger hatte, dann meldete sie sich prompt und laut. Aber abgesehen davon blickte sie wach und neugierig umher und sog alles in sich auf.

Dass T1 nicht nur ausgeglichen, sondern auch schüchtern werden würde, erahnte man, als sie um die 6 Monate alt war und die erste Fremdelphase mit voller Wucht zuschlug. Sie ließ sich nicht nur nicht von Fremden auf den Arm nehmen, anfassen, bespaßen - sie ertrug nicht einmal ihre Blicke. Sobald jemand sie freundlich, aber eben bewusst, ansah und gar ansprach, schrie sie los, als wolle man ihr ans Leben.

Als sie mobiler wurde, erkundete sie aufgeweckt und neugierig die ganze Wohnung. Sobald ich jedoch mit ihr das Haus verließ und in eine ungewohnte Umgebung kam, wich sie mir nicht von der Seite. Auch auf der Wiese, wenn wir im Sommer draußen saßen, krabbelte sie nur in einem Radius von einem halben Meter um mich herum. Aber dann wie immer: freudig glucksend, zufrieden, neugierig umherblickend, alles in sich aufsaugend.

Mittlerweile kann T1 sprechen. In ganzen Sätzen. Sie drückt sich erstaunlich gut aus. Und redet dennoch nicht mit Fremden. Wird ganz leise, wenn man sie etwas fragt. Und wortkarg. Sie geht nicht auf andere zu, sie lässt sich Dinge wegnehmen, erträgt Schikane und steckt fast immer zurück. Fremde Spielplätze erkundet sie nicht alleine, sie will meine Hand, meine Unterstützung.

Ganz oft bekommen wir darauf schlechte Rückmeldung. Sie sei nicht durchsetzungsfähig. Nicht selbstbewusst. Zu ruhig. Und immer wieder nachfragen, die sie in Bedrängnis bringen: "Willst du nicht mit mir reden?!" - "Tja, wenn du es dir nicht holst, selbst Schuld." - "Oh, wolltest du das haben? Da war der XY schneller. Du bist aber auch gleich dran..." "Hat er dir das weggenommen? Hols dir zurück!" "Setz dich durch" "Wehr dich". Und manchmal bin auch ich diejenige, der solche Sätze rausrutschen.

Denn ich leide ganz oft (mit), wenn meine Tochter ungerecht behandelt wird. Wenn sie übergangen wird, weil sie leise und nicht laut ist. Wenn sie von anderen Kindern weggeschubst wird, provoziert, geärgert - und es oft still erträgt. Wenn ihr etwas weggenommen wird und sie nur traurig hinterher blickt. Wenn sie auf Andere zugeht und leise in ihre Faust nuschelt "Darf ich bitte auch Bobbycar fahren?" und keiner ihr antwortet, keiner sie wahrnimmt. Und sie nicht versteht, warum die anderen Kinder sie nicht hören, sie nicht beachten, manchmal gemein zu ihr sind. Ich fühle mich in meine eigene Kindheit versetzt und weiß, oder meine zu wissen, wie sich das anfühlt. Viele Verletzungen habe ich davongetragen, weil meine Schüchternheit ausgenutzt, fehlinterpretiert, als schlecht angesehen war.

Inzwischen kann ich reflektieren und daran arbeiten. Meine Tochter kann dies noch nicht. Sie lernt anhand meiner und anderer Reaktionen, ob ihr Verhalten und ihr Sein wünschenswert ist oder nicht. Und ja, manchmal wünsche ich mir, dass sie mehr für sich entsteht. Laut "Nein" sagt. Mutig voran geht.

Aber meistens möchte ich ihr einfach nur Mut machen, lauter zu sprechen. In Situationen, in denen sie sich unwohl fühlt "Stopp, Nein, ich möchte das nicht" zu sagen. Dinge festzuhalten, die ihr weggenommen werden. Auf etwas zuzugehen, dass ihr Interesse geweckt hat. Und ich will sie an die Hand nehmen, wenn sie sich allein nicht traut. Will meine Stimme für sie erheben, wenn ihre eigene versagt. Ich will ihr zeigen: So kannst du das machen. Das ist ein guter Weg. Ich will es ihr zeigen, nicht befehlen. Ich will ihr deutlich machen, dass sie so wie sie ist und in ihrer Art gesehen, wahrgenommen, beachtet wird. Das sie geliebt und wertgeschätzt ist.


Denn ihre Zurückhaltung ist nicht nur hin und wieder ein Hindernis im Leben sondern zugleich ihre größte Stärke: Sie ist Ausdruck ihres großen Herzens. Ein Herz, das nicht die schnellen Erfolge will. Ein Herz, das nicht nur Abenteuer, Spaß und Freude will. Ein Herz, das nicht bloß siegen will. Ein Herz, das nicht einfach nimmt und unersättlich von einem zum nächsten rennt. Sondern

ein Herz, unbeschwert und rein, fröhlich und unbesorgt, voll Vertrauen und Hingabe. Ein Herz, das ihre Mitmenschen sieht. Ein Herz, das inne hält und beobachtet. Ein Herz, das nichts Böses hegt. Ein Herz, das die Schwachen sieht und sie vor den Starken schützt. Ein Herz, das dahinter sieht und nachfragt. Ein Herz, das die Traurigen trösten, die Einsamen besuchen, die Kleinen begleiten will. Ein Herz, das geben will. Ein Herz, das vor Liebe überfließt. Ein Herz, das teilen will. Ein Herz, das sich an Gemeinschaft erfreut. Ein Herz, das zusammen Großes schaffen will. Viel Größeres, als einer es allein je schaffen könnte. Ein Herz, das Verbindung schafft.

Wenn sie von etwas zwei oder mehrere Teile hat, gibt sie das Zweite an T2 oder ein anderes Kind ab, unaufgefordert. Wenn sie etwas machen möchte, fragt sie fast immer "Mama, möchtest du das auch machen?". Sie teilt, sie hilft, sie achtet (auf) die Anderen. Sie tröstet, sie umarmt, sie sorgt für Andere. Wenn T2 weint, bringt T1 ihr ihren Schnuller. Oder etwas zu spielen. Wenn Mama sagt "Ich brauch' mal eine Pause!" wird sie ganz verständnisvoll ruhig. Sie hört zu, sie will verstehen.

Und jede Gemeinheit, die sie kommentarlos hinnimmt, jede Ungerechtigkeit, die sie traurig ertägt, jede Herausforderung, der sie sich nicht stellt wiegt weniger als jeder Moment, in dem sie großzügig mit anderen teilt. In dem sie fragt "Möchtest du auch...?" In dem sie fragt "Alles gut?", indem sie angerannt kommt und sagt "Ich helf' dir!", in dem sie T2 an die Hand nimmt und sagt "Zeig dir das!".

Fröhlich, langsam, verträumt, leise, schüchtern, abenteuerfreudig, zurückhaltend, liebevoll, wertschätzend, bedacht, fürsorglich, höflich, hilfsbereit, ermutigend, fröhlich, kommunikativ, verkuschelt, fleißig, lernwillig, neugierig, lustig, gemeinschaftsstiftend - verbindend.

T1 ist die allerbeste erste Tochter, die ich mir je wünschen könnte. Ich liebe ihr großes Herz. Und ich will es beschützen. Indem ich ihr sage: Du bist wertvoll. Du bist geliebt. Ganz genau so, wie du bist. Mit deiner Liebe und dein Interesse für Andere, mit deiner Schüchternheit, mit deiner Vorsicht und mit deiner Fürsorge. Mit deinem fröhlichen und liebevollem Temperament. Du bist wundervoll. Das beste erste Kind, die großartigste und wertvollste große Schwester für unsere T2. T1 ist mein Kleinod, mein Diamant, mein wertvolles, kleines Mädchen. Und ich bin so stolz auf sie.