"Ein Jahr Elternzeit? Das können wir uns nicht leisten." Das ist die häufigste Antwort, die ich und mein Mann erhalten, wenn wir erzählen, dass mein Mann eben genau dieses eine Jahr Elternzeit genommen hat.

Ich weiß, dass "kann" und "will" in unserer Gesellschaft gerne synonym verwendet werden. Vor allem, wenn es um Geld geht.

Die haben sich ein neues Auto gekauft? Das können wir uns ja nicht leisten. Der dritte Urlaub im Jahr? Das könnte ich mir nicht leisten. Hast du schon gehört, deren Hochzeit hat 20.000 Euro gekostet. Das könnte ich niemals ausgeben.

Und beinah immer schießt mir in den Kopf: Kann, oder will man sich das nicht leisten?

Und was kann man sich eigentlich leisten?


Wenn ich zwei Euro in der Tasche habe und das belegte Brötchen 3 Euro kostet, kann ich es mir in diesem Moment nicht leisten. Weil ich es de facto nicht bezahlen kann.

Wenn ich zwar noch 10 Euro in der Tasche habe, das belegte Brötchen 3 Euro kostet und ich weiß, dass ich für das Paket, dass ich gerade weg bringen wollte aber 8 Euro ausgeben werden muss, kann ich mir das Brötchen auch nicht leisten. Obwohl ich es de facto gerade bezahlen könnte.

Wenn ich 10 Euro in der Tasche habe, eine Besorgung erledigen möchte, die mich 5 Euro kostet und denke "Boah, 3 Euro für ein belegtes Brötchen? Da kaufe ich mir lieber im Supermarkt alle Zutaten und habe 4 belegte Brötchen zum gleichen Preis - dann will ich es mir einfach nicht leisten.

Während Fall 1 und Fall 3 sonnenklar erscheinen, ist Fall 2 etwas verzwickt. Wie viele Faktoren beziehe ich mit ein? Wie weit plane ich in die Zukunft? Wer entscheidet eigentlich, welche Erledigungen ich noch machen "muss"? Was ist der Inhalt des Pakets und der Grund des Verschickens? "Muss" ich es verschicken oder würde ich es gern. Könnte ich es vielleicht zu günstigeren Konditionen verschicken oder zu einem geeigneteren Zeitpunkt? Und was bedeutet eigentlich das Brötchen für mich? Ist es der Snack zwischendurch oder das dringend benötigte Frühstück. Und warum muss es in diesem Fall genau dieses sein?

Viele Faktoren entscheiden darüber, ob wir uns etwas leisten können, also eine Sache bezahlen können, und ob wir uns etwas leisten wollen, also das vorhandene Geld auch wirklich investieren möchten.


Ich glaube unsere Anspruchshaltung wird im Wesentlichen in unserer Herkunftsfamilie geprägt. Habe ich bereits als Kind einen hohen Lebensstandard genossen oder kam ich vielleicht immer zu kurz? Wie sind meine Eltern oder Bezugspersonen mit dem umgegangen, was sie hatten? Gab es Neid auf Menschen die "mehr" hatten oder vielleicht sogar ein Herabsehen auf Menschen, die "weniger" hatten? Was sind "Spießer" und was sind "Schmarotzer"?

Passen Aussagen und Ausgaben überein?

Wenn der eigene Vater tagtäglich den "reichen" Nachbarn beäugt und seine neueste Errungenschaft, was es auch sein mag, mit "Das können wir uns nicht leisten" kommentiert, erweckt es schnell den Eindruck, dass man selbst Mangel leidet.

Wenn der Vater aber im nächsten Moment das Mittagessen ausfallen lässt um die ganze Familie ins Restaurant einzuladen, kommt eine ambivalente Haltung zu Geld und Investitionsbereitschaft auf. So prägt sich automatisch ein Muster, was "leistbar" beziehungsweise "normal" ist und was man selbst als "Luxus" empfindet.

Ich denke jede Familie, jede Einzelperson hat eine eigene Vorstellung davon, was unabdinglich ist und zur Grundsicherung gehört und was darüber hinaus bloße Annehmlichkeiten sind. Eben weil wir geprägt sind.

Wir setzen unsere Prioritäten anders. Weil wir andere Vorlieben haben, andere Prägungen und andere Wünsche und Ziele. Und so erhalten wir auch andere Vorstellungen davon, was "leistbar" ist und was nicht. Während der eine das Essen über das Paket stellt, ist dem Anderen das Versenden des Pakets eben wichtiger, als diese eine Mahlzeit. Und jeder wird den Anderen darin belehren wollen, dass die Entscheidung des Anderen "reiner Luxus" ist.

Korrekt müssten wir sagen: In Anbetracht meines Lebensstandards, meiner Ziele und meiner momentanen finanziellen Verhältnisse könnte ich mir "X" nicht noch zusätzlich leisten. Ich müsste erst an anderer Stelle Abstriche machen.

Oder einfach: Nein, das will ich mir momentan nicht leisten.

Es ist schließlich nicht verkehrt, wenn uns gewisse Einschränkungen nicht Wert sind, um etwas zu erhalten, was in unseren Augen weniger erstrebenswert ist.

Wenn ein Eigenheim ein lang ersehnter Wunsch ist, dann will ich es mir leisten. Und wenn ich es mir leisten will, kann ich mir nicht gleichzeitig 1-3 Urlaube im Jahr leisten. Oder eben eine Verdienstminderung von 35% für ein Jahr (Elternzeit). Weil das volle Gehalt in diesen einen großen Wunsch fließt.

Wenn ein Eigenheim ein "Nice-to-have" ist, dann sollten wir uns allerdings überlegen, ob wir bereit sind an anderer Stelle kürzer zu treten oder ob wir zu Gunsten anderer Dinge darauf verzichten würden.

Und wenn wir Geld gegen Zeit aufwiegen, dann müssen wir uns eben eingestehen, dass beides meist nicht möglich ist. Und dann müssen wir nicht nur entscheiden, welche Ausgabe uns mehr wert ist, sondern auch, ob wir lieber Zeit (für jemanden) hätten, oder Geld.

Und im Idealfall achten wir darauf, welche Bedürfnisse dieser Jemand hat. Wird es ihm gerecht, wenn wir Geld schenken, statt Zeit, oder wird es eher uns gerecht?

Ich bin überzeugt, dass jedes Leben sehr individuell gestaltet werden kann. Dass jedes Leben einzigartige Entscheidungen hervorruft, die nur von einem selbst getroffen werden können. Ich glaube aber auch, dass wir uns an Mustern und Rollen orientieren (können) und daher bewusst darauf achten müssen, welche Muster uns zusagen und guttun und welche "nur" gewohnt oder geläufig sind.

Ein MacBook weil ich es brauche? Oder weil es schick ist?
Markenklamotten, Modetrend, "schon wieder" neue Schuhe. Weil die alten aufgetragen, zu groß, zu klein geworden sind, oder weil ich meine ich müsse den Trends folgen - für wen, für was auch immer? (Es selbst schön zu finden ist auch okay ;) ). Eigenheim, 2 Autos, Hund und Garten. Weil ich es mir wünsche? Oder weil es allgemein als "erstrebenswert" gilt? Für jedes Kind ein eigenes Zimmer, weil die Kinder es sich so gewünscht haben? Oder weil alle anderen das auch so handhaben?

Das Ergebnis der Entscheidung ist wertfrei - wenn der Entscheidungsprozess reflektiert ist.


Ungerechtigkeiten gibt es dabei immer. Und verschiedene Entscheidungen, die wir vor Jahren getroffen haben, haben jetzt Auswirkungen auf unser Leben, die wir so vielleicht gar nicht haben kommen sehen. Eine Bäckerin wird andere finanzielle Möglichkeiten haben als eine Bankerin, die Pädagogin andere als die Richterin. Und dann kommt es uns sehr leicht über die Lippen "Das kann ich mir nicht leisten".

Doch immer, wenn wir Neid, Eifersucht oder Unmut in uns aufkommen spüren, sollten wir uns fragen: Warum kommen diese Emotionen hoch, wenn mein Gegenüber sein Lebensmodell vorstellt? Habe ich meine Prioritäten richtig gesetzt?

Wenn wir stets sagen "Ich kann nicht" - sind wir dann noch frei? Oder wecken wir in uns und in den Menschen um uns herum nur ein Gefühl des Mangels und unfreiwilligen Entsagens? Sollten wir nicht viel öfter sagen "Ich will nicht, weil ich dieses oder jenes lieber will.“?

Oder aber "Ich kann nicht. Aber der Herr." Denn wie wenig wir auch haben, haben wir ihn, haben wir alles. Gott ist unser Versorger und in ihn sollten wir vertrauen, dass er uns gibt, was wir brauchen und er uns darüber hinaus reich beschenken will.