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Gleichberechtigte Elternschaft

Jammernde Mütter, klagende Väter, wütende Kinder. Wenn man der Flut von Blogeinträgen, Zeitungsartikeln und Dokumentationen glauben mag, ist die Frage der Machbarkeit von Familie prekärer denn je. Wir haben, wie auch sonst überhaupt, so viele Möglichkeiten und Freiheiten in der individuellen Lebbarkeit von Familie, dass wir aus dem Zweifeln nicht mehr herauskommen, ob das alles denn so richtig sei. Zu konservativ, zu modern, zu viel, zu wenig. Zu facettenreich.

Dabei ist Familien-Arbeit so simpel wie gerecht, denn sie hat nur ein einziges Bedürfnis: Versorgt sein. Versorgt sein mit einem Platz zum Leben, mit Nahrung, Kleidung, Hygiene und Vergnügen. Und Familien wollen geborgen, betreut, gesehen, umsorgt werden. Es gibt also nur diese beide Seiten: Die materielle (Grund)versorgung und die emotionale Versorgung.

Versorgen heißt: Geld verdienen, um Dinge erwerben zu können. Versorgen heißt: Dinge erwerben. Versorgen heißt: Dinge anwenden. Versorgen heißt: im Blick behalten, welche Dinge erworben werden müssen. Versorgen heißt aber auch: umsorgen. Versorgen mit Zeit, mit Liebe, mit Hingabe und Interesse.


Neulich habe ich eine sehr leidenschaftlich geführte Diskussion mitverfolgt, die in etwa diese Fragestellung beleuchtete: Darf ich am Wochenende mehr Zeit für mich allein beanspruchen, da ich die gesamte Woche die Kinder alleine hüte?

Diskussionsführende Dame beklagte, dass ihr Mann keine Rücksicht auf die hohe Belastung, der sie unter der Woche durch ihr wenige Monate altes Baby ausgesetzt ist, nähme. Er würde ihr die Kleine zwar hin und wieder abnehmen, aber nicht, wie sie es wünscht, zwei halbe Tage. Schlimmer noch, er würde gerne auch einen halben Tag nur für sich haben. Und dann bräuchte man ja noch Zeit zu dritt. Und auch, wenn das zeitlich alles vereinbar wäre: Hätte sie nicht das Recht auf mehr Zeit allein? Schließlich habe sie immer das Kind, und der Mann unter der Woche ja frei.

Spätestens jetzt dröhnte ein sehr lautes aber in meinem Kopf:
Was ist mit der Erwerbstätigkeit des Mannes? Mit seiner Arbeit ermöglicht er unser Familienleben. Er finanziert unsere Familie. Er arbeitet für uns. Nicht für sich. Nicht, weil das sein liebstes Hobby ist. Nicht, weil er dabei non-stop glücklich ist. Nicht, weil es ihm alles so leicht fällt. Sondern weil Geld verdient werden muss. Genauso, wie das Kind eben versorgt werden muss. Und weil wir beide unter der Woche für unsere Familie arbeiten, haben wir, wenn überhaupt, das gleiche Recht auf Zeit für uns allein.

Väter und Mütter leisten nämlich viel mehr als "bloß" die Erwerbsarbeit auf der einen und Erziehungs- und Hausarbeit auf der anderen Seite. Familien-Arbeit lastet auf den Schultern beider Elternteile. Es ist gleichermaßen ein Balance- sowie Kraftakt, das individuelle Gleichgewicht zu finden und auch zu halten. Wie zwei Eimer, einer an je einem Ende einer Stange, die von beiden auf den Schultern balanciert werden muss. Der Eine ist größer, der Andere kleiner. Der Eine hat mehr Armkraft, der Andere mehr Beinkraft. Der Eine mehr Balance, der Andere mehr Standhaftigkeit. Die beste Neigung, die beste Lastenverteilung muss individuell für jedes Paar austariert werden.

Gleiches gilt auch für die mentale Arbeit, die dieser Artikel, der mir letztens zugeschickt wurde, anspricht. Mentale Arbeit rund um die Familie wäre demnach: Wer braucht wann welche Schuhe, neue Klamotten? Wann müssen die Stoffwindeln in die Wäsche und welche Arzttermine stehen noch aus? 762 geöffnete Tabs - ein schönes Sinnbild. Bei mir trifft das zu.
Und bei meinem Mann auch: Versicherungen, Steuererklärung, Stromtarif wechseln, Auto zum TÜV und vieles mehr, von dem ich nicht einmal weiß, dass man sich um so etwas auch kümmern muss. Sich darüber lächerlich zu machen, dass die meisten Väter keine Ahnung haben, welche Schuhgröße das Kind aktuell trägt ist schlicht unfair. Ich weiß auch nicht, von welchem Anbieter wir aktuell Strom beziehen. Dabei nutze ich selbigen gerade um diesen Artikel zu schreiben. Wisst ihr, liebe Frauen, welchen Stromtarif ihr habt? Welche Versicherung zu welchen Konditionen abgeschlossen wurde?

Und wenn ich abends Spielzeug und Essensreste aufräume, obwohl ich gerade erst die Kinder ins Bett gebracht habe, während mein Mann nach seinem Arbeitstag die Füße hochlegt und den Laptop auf dem Schoß hat, dann sieht das vielleicht so aus, als würde ich alles rund um die Familienarbeit allein erledigen, während mein Mann nach unserer Familienerwerbsarbeit sich ein entspanntes Leben gönnt. Dabei macht er vielleicht gerade die Steuererklärung. An der ich dieses Jahr nicht mitgewirkt habe.


Auf uns Frauen lastet der enorme gesellschaftliche Druck, dass wir alles zu leisten haben. Die perfekte Figur, die perfekte Karriere, die perfekten Kinder, den perfekten Partner, der perfekte Haushalt und so weiter.

Dennoch haben wir Nichts gewonnen, wenn wir diesen Druck, den wir spüren, in Frust, Wut, Egoismus und Zankereien an dem Menschen auslassen, der dieses ganze Familien-Konstrukt zu 50 Prozent mitträgt. Ich glaube, die bestmögliche Lösung kann eine Familie nur individuell für sich finden, indem die Eltern miteinander im Gespräch bleiben. Welche Erwartungen haben wir aneinander? Welche Vorlieben haben wir?

Ich persönlich koche gern, aber Pfannkuchen backen finde ich so lästig, dass mein Mann das jedes Mal übernimmt. Mein Mann kümmert sich allein um alle Wartungen rund ums Auto - aber ich behalte im Blick, wann getankt werden muss. Das geht, weil wir uns absprechen. Weil wir nicht sagen: Haushalt? Das ist deine Sache. Es ist unsere. Genau wie Auto, Finanzen, Erziehung, Einkaufen, Alltagsbewältigung, Erwerbstätigkeit unsere Aufgaben sind.

Die Erbewerbsarbeit meines Mannes ist genauso wertvoll wie die Familienarbeit, die ich momentan zu Hause leiste. Seine mentale Arbeit rund um unsere Familie wiegt nicht weniger als meine. Ich bin dankbar, dass mein Mann täglich das Haus verlässt um einem Job nachzugehen, der unsere Versorgung sicher stellt. Ich bin dankbar, dass er im Blick behält, wann tarifliche, finanzielle, materielle Umbrüche stattfinden sollten. Ich bin dankbar, dass er am Abend mit den Kindern spielt, sie gemeinsam mit mir ins Bett bringt und sich dann auch noch anhört, wie es mir geht. Ich bin dankbar, dass mein Mann meine Erziehungsarbeit, meine Arbeit im Haushalt, das tägliche Chaos mit allen Höhen und Tiefen wertschätzt.

Ich bin dankbar, dass wir uns gegenseitig immer wieder sagen können: Danke, dass du das für uns machst! Du leistest den wertvollsten Teil unserer Arbeit, du versorgst unsere Familie.

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Kostbar

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Weiblich, Achtundzwanzig, Ehefrau, Mutter, Freundin. Literaturwissenschaftlerin mit einem großen Herzen für (Gottes) Worte und junge Menschen, Familien und andere Kostbarkeiten.

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