Ein Mann, eine Frau. In einer Wohnung, in einem Haus. Man liebt sich, man lebt zusammen, man unterstützt sich. Man fährt gemeinsam in den Urlaub, feiert Weihnachten bei der Familie des Partners und wird zu allen Verwandtschaftsfesten eingeladen. Man teilt sich das Bett, die Aufgaben, das Geld, die Verantwortung und (irgendwann) auch die Kinder. Bei den einen steht ein Nachname auf dem Klingelschild, bei den anderen zwei.

Wenn ich meinen erweiterten Bekanntenkreis betrachte, dann sind in etwa so viele zusammenwohnende Paare verheiratet, wie unverheiratet. Einige haben Kinder, andere nicht. Im Alltag scheint das keine Relevanz zu haben, denn Paar oder Familie zu sein, das hängt heutzutage nicht mehr von einer Eheurkunde, Zeremonie, Festlichkeit ab.

Vielmehr erscheint die Ehe als eine veraltete Institution der Kirche zur Gängelung der Gesellschaft. Und das Geheimnis einer wirklich glücklichen Ehe ist, niemals eine einzugehen. Unabhängig sein, auch beim Steuerbescheid. Sich selbst verwirklichen, die eigene Identität bewahren, auch beim Nachnamen. Und zu heiraten, weil "man das halt so macht" zeugt auch nicht gerade von Vernunft und Überzeugung.

Ich denke,

wir sollten verstehen, warum eine Ehe Sinn macht.

Die Zeiten, in denen eine Frau heiraten musste, um gesellschaftlich anerkannt zu sein, sind vorüber. Uneheliche Kinder sind kein Grund zur Empörung und unverheiratetes Zusammenwohnen ist mittlerweile eher die Regel als die Ausnahme.

Wir verhalten uns ab Beginn einer Beziehung als seien wir in einer Ehe. Viele von uns tun dies ein, zwei Mal in ihrem Leben. Oder öfter. Wir treten gemeinsam auf, wir teilen ein Bett, wir teilen eine Wohnung, wir lassen uns auf die jeweils andere Familie ein.

Wir glauben, wir haben die bessere Wahl getroffen: Liebe ohne Zwang. Wir glauben, wir haben etwas Großartiges gefunden. Genau wie Hans, dem Lebensgefährten der Autorin des NYTimes-Artikels, als er aus dem Fenster blickt und glaubt seine Lieblingsdarstellerin Kristen Schaal entdeckt zu haben. Doch nach einigen Mühen und etwas Zeit muss er feststellen, dass er nicht auf Kristen Schaal, sondern viel mehr auf das Gegenteil gestoßen ist.

Die Autorin behauptet: Bei unserem Partner zu bleiben, ohne es zu müssen ist der größere Liebesbeweis. Und dennoch endet sie ihren Artikel mit den Worten „Everything is telling me it’s Kristen Schaal“, das Synonym für einen Trugschluss. Ja, sie darf sich jeden Tag neu für ihre Liebe entscheiden. Doch sie wacht seit über 20 Jahren mit der Ungewissheit auf, ob ihr Partner sie heute wieder wählen wird - oder ob er es nicht tun wird. Jeder Tag ist ein unter Beweis stellen.

Vielleicht bleibe ich bei dir, wenn mir dein Alltag gefällt. Vielleicht bliebe ich bei dir, wenn mir deine Hobbys gefallen. Vielleicht bleibe ich bei dir, wenn du gut küsst. Vielleicht bleibe ich bei dir, wenn mir deine Freunde gefallen. Vielleicht bleibe ich bei dir, wenn es im Bett harmoniert. Vielleicht bleibe ich bei dir, wenn das Zusammenleben klappt. Vielleicht bleibe ich bei dir, wenn ich mit deiner Familie klar komme. Vielleicht bleibe ich bei dir, wenn wir auch außerhalb des Alltags klar kommen. Vielleicht bleibe ich bei dir, wenn ich weiß wie du als Mutter/Vater bist. Vielleicht bleibe ich bei dir, wenn die Kinder aus dem Haus sind und wir uns immernoch leiden können.

Wer eine Beziehung eingeht sagt ja und im selben Satz vielleicht.

"Ja, für immer... Vielleicht." Wer in einer Partnerschaft lebt, ohne jemals zu heiraten, weiß, es ist für immer: Vielleicht. Es ist nie ein ja. Es ist ein "Vielleicht" für immer. Denn eine Beziehung lässt sich binnen drei Worten aufheben: "Ich mache Schluss". Eine Ehe dagegen hat eine Verbindlichkeit, die (so leicht) nicht aufzuheben ist.

Eine Ehe sagt: Ja. Eine Beziehung sagt: Erstmal ja.

In einer Ehe sagen wir ja zu unserem Partner. Unabhängig davon, in welchen Umständen er sich befindet. Ja, egal ob deine Hobbies in 20 Jahren noch die Gleichen sind. Ja, egal wie unser Alltag sich verändern wird. Ja, auch im Urlaub und auf Reisen. Ja, auch wenn sich unser Leben ändert.

Offiziell und Öffentlich: Ja.

Wir leben nicht nebeneinander, sondern miteinander. Wir binden uns so nah an uns, bis wir als Einheit begriffen werden. Es heißt dann nicht mehr Wilma und Fred kommen. Sondern die Feuersteins kommen!

Und dieses ja ist laut und hell, für alle hör- und sichtbar. Denn wir sagen ja vor der Gemeinde, damit alle erfahren: Ja, wir wollen zueinander stehen. Ja, wir übernehmen Verantwortung füreinander. Ja wir gehören zusammen.

Wir sagen ja vor dem Staat, damit dieser weiß: Hier gehören zwei Menschen zusammen. Sie teilen Hab und Gut, Rechte und Pflichten, übernehmen Verantwortung, bürgen füreinander. Wir sagen auch ja zu einem gemeinsamen Namen und drücken damit aus: Wir gehören zusammen, wir sind eine Familie, eine Einheit.

Alle wissen in eindeutiger und offizieller Weise darum, dass hier zwei Menschen verbindlich zusammengehören. Sie stehen niemandem mehr zur Partnerwahl zur Verfügung, sie sind einander zugehörig.

Eine Beziehung bleibt privat. Ein in Beziehung lebender Mensch ist in erster Linie Einzelperson. Ohne äußeren Druck und ohne innere Gewissheit.

Die Beziehung ist ein ja, das sich jeden Tag neu entscheidet: Ja, ich will bei dir sein oder Nein, ich will nicht bei dir sein. Die Ehe ist ein ja, das sich entschieden hat: Ich habe meinem Partner für alle sichtbar und verbindlich versprochen, dass ich mich jeden Tag für ihn entscheiden werde. Und an keinem Tag gegen ihn.

Werde verbindlich.

Dein Partner ist es wert.

Du bist es wert.