Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst. [1]

Das ist das (zweit)höchste Gebot, dass uns die Bibel mitgibt.

Während wir uns öfter mit der Frage "Wer ist mein Nächster?" konfrontiert sehen, beschäftigen wir uns seltener mit der Frage, wie sich die Liebe zu uns selbst äußert. Dabei sind beide Ansprüche völlig gleichgewichtet. Drei Worte für deinen Nächsten, drei Worte für dich selbst. Man könnte auch sagen: Liebe dich selbst, wie deinen Nächsten.

Das kommt auf dich an.

Jeder Mensch hat eine Beziehung zu sich selbst. Manchen Menschen ist diese Beziehung bewusst, manchen bleibt sie unentdeckt. Dennoch, die "innere Stimme", die uns sagt, was wir wollen, denken, fühlen, umsetzten sollen, die kennt jeder. Engelchen und Teufelchen, Moral, Intuition, Herz. Wir kennen viele Namen dafür.

Ich nenne es das Selbst. Das Selbst bist du. Dein Charakter, dein Instinkt, deine Neigungen, dein Kern.

Das Selbst hat Bedürfnisse. Geliebt sein, zum Beispiel. Das ist uns allen gleich. Wir wollen alle geliebt sein. Aber manch einer hat auch das Gefühl, diese Liebe verdient zu haben und will sie einfordern. Ein anderer fühlt sich nicht liebenswert und will das Selbst bekämpfen.

Wenn du dich selbst nicht ehren kannst, so kannst du deinem Gegenüber nichts Ehrbares entgegenbringen. Zwar glauben wir, die anderen seien besser, doch ihr Bessersein ist bloß ein Produkt unseres Neides, unserer Eifersucht und unseres Minderwerts. Wir bauen die anderen nicht auf, bestärken sie nicht und erkennen sie und ihre Fähigkeiten nicht an, wir benutzen sie nur als Folie um uns selbst niederzumachen. "Du bist so viel hübscher als ich", ist kein Kompliment, sondern ein Gewissensbiss unseres Gegenübers. Es macht unser Gegenüber nicht stolz, es macht es hilflos. Wir können ihre Leistungen und ihr Sein nicht anerkennen, wir sehen nur unser eigenes Versagen.

Wenn du dich selbst ehrst, ohne dein Gegenüber zu achten, bist du stolz. Wir betrachten uns als Maßstab aller Dinge und belächeln jeden, der darunterliegt. Gutmütig klopfen wir ihm auf die Schulter und sagen "Du kannst bestimmt etwas Anderes." Und jeder, der uns übertrumpft wird mit einem verletzenden Spruch bedacht, "darauf kommt es im Leben ja nicht an". Wir können nicht ertragen, dass andere besser sind, mehr Aufmerksamkeit bekommen oder beliebter sind. Wir glauben wir könnten alles besser, schneller, effizienter, schöner, günstiger. Wenn wir es machen, dann wirds grundsätzlich gut. Nein, besser. Wir können das Potenzial anderer nicht sehen, denn wir sehen nur unser Eigenes.

Die Welt ist voller Egoisten. Doch sie lieben sich nicht selbst. Sie befriedigen sich selbst. Sie suchen das gute Gefühl, Anerkennung, Aufmerksamkeit und Achtung. Sie suchen die Freiheit, die unendlichen Möglichkeiten, das große Glück.

Und das große Glück ist beliebig. Variabel. Haltlos. Nichtig. Einmal erreicht, hinterlässt es nichts als stumpfe Leere, die Suche nach dem immer nächstgrößtem Glück.


Selbstsucht macht sich selbst zum Zentrum.
Selbstachtung macht Gott zum Zentrum.


Was nicht Erfolg, Glück oder Gefühl, sondern Liebe ist, ist Gott. Denn Gott ist die Liebe und wer in der Liebe ist, der ist in Gott. [2]

Wenn wir beginnen, Gott als Zentrum unseres Seins zu begreifen, erfahren wir, was Eigenliebe bedeuten kann. Wir betrachten uns und sehen weder "die kleine Dicke", noch die "dumme Kuh", weder die "Schönste von Allen", noch die "Klügste" oder "Begabteste". Wir sehen weder das Urteil der Anderen, noch den Vergleich, dem wir uns selbst aussetzen.

Wir sehen in den Spiegel, der uns die Ebenbildlichkeit Gottes zeigt.

Wir sind nicht "schön" oder "hässlich". Wir haben eine Haar- und eine Augenfarbe, Arme und Beine, eine Figur, einen Kleidungsstil. Wir haben so viel an unserem Äußeren, was viel mehr als diese beiden Adjektive verdient. Wir sind nicht einfach "doof" oder "schlau". Wir haben Gaben und Talente, Neigungen und Fähigkeiten. Es ist so viel in uns hineingelegt, dass weitaus mehr Worte bedarf als dieses eine.

Eigenliebe bedeutet, sich selbst auf Gott hin zu begreifen.

Wir suchen nicht die Aufmerksamkeit um jeden Preis, sondern schenken Aufmerksamkeit - uns selbst und auch den Anderen. Wir suchen nicht den schnellen Erfolg, sondern arbeiten an unserem Charakter. Wir jagen nicht nach dem großen Glück, sondern danach mehr und mehr in unsere Identität in Gott zu kommen.

Eigenliebe heißt, weise mit den eigenen Kräften zu haushalten. Ziele zu setzen, Grenzen zu setzen. Sich etwas zu gönnen, sich zu kennen.

Wer sich selbst liebt, kennt die eigenen Schwächen und ist sich der eigenen Stärken bewusst. Wer sich selbst liebt, gleicht die Schwächen der Anderen aus und erkennt die Stärken der Anderen an.

Wer sich selbst liebt, kennt seinen Wert.

Und den der Anderen.


  1. Das andre ist dies: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst« (3. Mose 19,18). Es ist kein anderes Gebot größer als diese. (Markus 12,31 LUT17) ↩︎

  2. Und wir haben erkannt und geglaubt die Liebe, die Gott zu uns hat: Gott ist Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm. (1.Johannes 4,16 LUT17) ↩︎