Meine Freundin und ich besuchen die Studentengruppe seit etwa einem Jahr, als sie gefragt wird, ob sie eine Kleingruppe leiten möchte. Einmal in der Woche treffen wir uns, hören einen Vortrag, singen gemeinsam und gehen dann in die Gruppen von etwa sieben bis zehn jungen Erwachsenen zwischen 18 und 25 Jahren.

Ich hatte seit ein paar Wochen begonnen, freitagabends die Teens zwischen 13 und 18 Jahren zu betreuen. Meine Freundin hatte überlegt im Kindergottesdienst mitzuarbeiten. Doch nun, da sie bei den jungen Erwachsenen mitarbeiten konnte - würde sie das fallen lassen.

Ich bin ein hierarchisch denkender Mensch. Und Alter war für mich ein Indiz für Wert und Ansehen. Je älter ein Mensch war, desto mehr Respekt flößte er mir ein. Denn dieser Mensch hat schon ganz schön was erlebt! Junge Menschen sind leicht zu beeinflussen, zu beeindrucken, aber ein Mensch, der schon alles gehört und gesehen hat?

Dieses Denken schlich sich auch in der Situation mit meinem Ehrenamt ein. Ich fühlte mich zu „mehr“ berufen. Und ich wollte unbedingt die Position des Gruppenleiters in der Studentenarbeit. Denn ich hatte das Gefühl, diese Aufgabe bekamen nur die zugeteilt, die besonders dafür geeignet waren. Denen man Verantwortung geben wollte. Denen man vertraute. Teens zu betreuen, das ist einfach, das kann jeder. Aber Einfluss auf Gleichaltrige? Das ist etwas Besonderes, das können nicht alle. Aber ich war mir sicher, ich kann das.

Doch ich wurde nie gefragt - denn ich arbeitete ja schon bei den Teens mit. Doppelbelastung vermeiden, nannte sich das. Meine beste Freundin verstand mein Bestreben nicht. Ich war doch in leitender Funktion: Bei den Teens.

Ja, aber.

Teens sind ja auch einfacher. Klar denken die Schüler, dass ein Student cool ist. Dass man Respekt vor ihm haben kann. Aber wenn Studenten sich einem gleichaltrigen Studenten anvertrauen, das ist Wertschätzung!


Heute, mehr als fünf Jahre später, geht es weniger um meine Position im Ehrenamt, mehr um meine Stellung in der Gesellschaft. Das Studium ist abgeschlossen und die Frage, was daraus wird oder geworden ist wird unüberhörbar. "Was arbeitest du?" oder "Was ist denn dein Beruf?" ist nach dem Namen die meistgestellte Frage, wenn ich eine Person kennenlerne.

Je mehr Verantwortung der Beruf mit sich bringt, desto mehr beeindruckt er uns. Je mehr Macht wir in unserer Position haben, desto wichtiger ist diese Arbeit. Je mehr Geld wir für unseren Job bekommen, desto angesehener ist er.

Auch unter den jungen Müttern, die ich durch verschiedenste Kurse kennenlernen durfte ist der Beruf weiterhin ein großes Gesprächsthema. Und viel zu oft würde ich gerne sagen, was ich schon damals dachte. Ich könnte jede Stelle, für die ich durch mein Studium qualifiziert bin, gut meistern.

Ich bringe alles dafür mit: Ich bin begeisterungsfähig und begeisternd, ich bin vertrauenswürdig, einfühlsam, organisiert, kann auf Menschen zugehen, entscheidungsfreudig, menschenorientiert, engagiert, motiviert. Mir fielen tausend Gründe ein, warum ich die Position damals als Gruppenleiter gut ausfüllen könnte und heute eine gute Arbeitnehmerin wäre. Das ich mich nicht beweisen konnte, lag damals an der Betreuung der Teens und heute an der Betreuung meiner Tochter.


„Haben die Teens nicht auch ein Recht auf hochqualifizierte und engagierte Mitarbeiter?“ fragte mich meine Freundin vor mehr als fünf Jahren. "Hat meine Tochter, mein Umfeld, nicht auch das Recht auf eine hochqualifizierte und engagierte Mutter, Freundin?" frage ich mich heute.

Das ist eine rhetorische Frage.

Denn diese Frage sagt nicht: Nein, du kannst all das nicht. Sie sagt auch nicht: Du bist nicht geeignet. Sie sagt auch nicht: Du irrst dich, du bist nicht gut genug.

Sondern sie sagt: Ja, du kannst all das. Und diese Fähigkeiten werden gebraucht. Genau da, wo du bist.

Ich, allein ich, habe meine Arbeit nicht wertgeschätzt. Ich habe das, was ich leiste, herabgewürdigt. Allein ich habe gesagt: Die Arbeit füllt mich nicht aus. Die gibt mir nichts. Ich leiste nicht genug. Ich habe die Aufgabe, die Teens zu betreuen als einfach, nebensächlich, unwichtig, verzichtbar, unbedeutend erklärt. Ich habe es für vertretbar gehalten, dass die Teens Mitarbeiter verdienen, die weniger engagiert sind. Die nicht immer verbindlich da sein müssen. Allein ich. Niemand sonst.


Ja, wir haben Gaben und Talente, die in dieser oder jener Position gefragt sind. Aber vielleicht ist es auch Potenzial, dass wir in unserer jetzigen Arbeit noch nicht ganz entfaltet haben? Weil wir es für Verschwendung halten, weil wir nicht sehen, wo wir gebraucht werden oder, weil wir uns einfach etwas ganz Anderes vorgestellt haben?

Der Wert unserer Arbeit hängt nicht von unserer eigenen Bewertung ab. Auch nicht von der, unserer Mitmenschen.

Jede Arbeit, die in Liebe dient und sich selbst, sowie den Gegenüber achtet, ist eine kostbare Arbeit. Weil sie zu einem Gesamten beiträgt, dass das Leben lebenswert macht. Der Landschaftsgärtner macht einen ebenso wertvollen Job, wie die Krankenschwester. Und der Architekt, wie der Arzt. Der Künstler ist für die Menschheit genauso bedeutsam wie der Erfinder, der Ingenieur wie der Schriftsteller.

Die Mama ist so viel Wert, wie der Manager, der Papa, wie der Firmenchef. Es gibt keine Arbeit, die wir geringschätzen sollten - solange sie konstruktiv ist -. Der Wert unserer Arbeit hängt nicht von der Bezahlung, dem Wirkungskreis oder der vermeintlichen Anerkennung durch Andere ab.


Ich habe keinen Arbeitsvertrag, ich bekomme kein Geld für die Stunden, die ich investierte und ich habe keine Verantwortung für Mitarbeiter. Ich habe kein Büro und keine Arbeitszeit und doch ist neben meiner Tochter auch dieser Blog Arbeit.

Und diese Arbeit ist es wert.