"Gottes Wege sind unergründlich" [1] sagt die Bibel. Diesen Vers nehmen wir so oft in den Mund, dass er beinah abgedroschen und kraftlos wirkt. Ehrlich gesagt klingt der Vers in meinen Ohren genauso willkürlich wie das kölsche Sprichwort "Et kütt wie et kütt". Zumindest in den Momenten, in denen ich lieber eine Erklärung für meine (Irr)Wege im Leben gehabt hätte.

Natürlich läuft es auch einmal besser als erwartet, "et hätt noch immer jut jejange", oder, wie uns die Bibel lehrt "Der Mensch denkt, doch der Herr lenkt". [2]

So oder so, ich habe keine Ahnung, was Gott von mir will. Woher soll ich es auch wissen? Im Grunde kann ich tun und lassen was ich will, Gott biegt ohnehin alles wieder gerade. Ziemlich einfach, oder? Ungefähr so plane ich (manchmal) mein Leben.

Diese Einstellung geht eine ganze Weile gut. Wenn alles seine geregelte Bahn läuft. Im Studium zum Beispiel. Da geht man einen Schritt nach dem nächsten. Dem Abschluss entgegen. Meiner Meinung nach brauche ich Gott nicht vor jeder Modulwahl darum bitten, mir zu zeigen welches Modul am ehesten in seinen Plan passt. Ich glaube, das ist ihm egal. Ich glaube, er kann aus allem etwas machen. Et hätt noch immer jut jejange.

Doch dann folgt der Abschluss. Studium fertig. Und nun?

Da kommt der denkende Mensch auf den Plan. Karriere. Kinder. Weltreise. Auslandsjahr. Trainee. Volontariat. Juniorstelle. Arbeitsstelle. Urlaub. Ehrenamt. Start-up. Einfach weg. Durchstarten. Heiraten. Sesshaft werden. Und was man sonst noch so für Ziele haben mag.

Für mich kamen eigentlich nur zwei Wege in Frage: Wir bekommen Kinder, oder ich könnte (endlich) arbeiten. Obwohl ich eigentlich jung Mutter werden wollte und meine Berufung stets eher in der Mutterrolle als in die der Karrierefrau sah, hatte Gott scheinbar einen anderen Plan. Ich dachte, wenn ich zügig meine Abschlüsse mache und jung heirate, dann stünde dem Mutterglück nichts im Wege. Aber Gott sieht das anders. Gott möchte, dass ich arbeite.

Denn nach langen Diskussionen mit meinem Mann, der ein oder anderen Erkenntnis und vielen Zweifeln, kommen mein Mann und ich zu dem Ergebnis: Ich versuche mich am Berufseinstieg. Denn auch er hat Pläne. Seltsamerweise ist sein ultimativer Lebensplan nicht: Mindestens 40 Stunden die Woche für Andere arbeiten bis ans Lebensende. Irgendwie möchte er auch ganz nebenbei eigene Projekte verfolgen. Beide arbeiten, gegenseitige Entlastung. Plan steht.

Kaum ist der Entschluss gefasst, begebe ich mich auf Arbeitssuche. Es regnet Absage nach Absage. Und dann doch mal ein paar Einladungen, sogar Zusagen. Doch die Jobs sind dermaßen unterbezahlt, dass es schlichtweg sinnlos ist, sie anzunehmen.

Ich bin frustriert. Ich bin desillusioniert. Ich finde "Gottes Plan" total doof.

Und ich bete, und ich rede mit vertrauten Frauen aus meinem nahen Umfeld und ich murre und ich bete und ich fasse einen Entschluss: Gott muss mehr Freiraum haben. Das kann so nicht weitergehen.

Ich kann nicht Pläne fassen und erwarten, dass Gott etwas Gutes aus ihnen macht. Und diese Pläne dann auch noch "Gottes Plan" nennen - nur weil ich die Pläne selbst so blöde finde, dass ich nicht ihr Urheber sein möchte.

Unter Christen herrscht die schräge Annahme, dass Gott einem immer zu dem zwingt, was man am allerwenigsten möchte. Wir fragen lieber nicht nach seinem Willen, nachher schickt er einen in den Dschungel zu den Menschenfressern und möchte, dass wir ihnen das Evangelium predigen. Dabei schaffen wir es nicht einmal vor unseren Mitschülern, Kommilitonen oder Arbeitskollegen zuzugeben, dass wir an die Existenz Gottes glauben.


Auf einmal ist er positiv. Und mit ihm alles Andere.

Mein Mann und ich haben Gott Freiraum gegeben. Eine winzige Chance, unsere Familienplanung aktiv mitzugestalten. Sehr klein nur, man will nicht unvernünftig sein. Groß genug, denn man will nicht mehr alles selbst planen... Und da war es. Das kleine, winzige Wunder in meinem Bauch.

Es ist riskant, die Lebensplanung entspannt anzugehen. Fehler zuzulassen, Irrwege in Kauf zu nehmen, die Richtung zu wechseln. Was ist, wenn wir unser Ziel verfehlen? Wenn der Lebensweg eine Richtung einschlägt, die wir gar nicht angepeilt haben?

Unverhofft, aber viel geliebt, ungeplant aber heiß ersehnt. Das Kind ist da, und mit ihm die Lösung aller unserer Planungsschwierigkeiten. Denn neben einer einzigartigen Persönlichkeit, schenkt uns dieses Kind auch ein ganz besonderes Privileg: Zeit. Elternzeit.

Ich darf Mutter sein. Ich muss nicht einer regulären Arbeit nachgehen, die mir keine Freude macht. Mein Mann darf seine Ziele verfolgen. Er muss nicht 40 Stunden die Woche für Andere arbeiten. Versorgt sind wir dennoch. Von Gott.

Meine Pläne, die Pläne meines Mannes: Beide konnten nicht gelingen, solange wir sie aus eigener Kraft, mit unseren Mitteln und aus unserer Mitte heraus umsetzen wollten. Erst als wir Gott mit hineinnahmen, konnte gelingen, was wir uns nie hätten erträumen können.

Und plötzlich wird ein Vers aus der Bibel ganz wichtig und wahr: "Befiehl dem Herrn deine Wege an, er wird es gut machen." [3]

Verfasst am 12.08.2016


  1. Wie unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich seine Wege! (Römer 11,33b LUT17) ↩︎

  2. Des Menschen Herz erdenkt sich seinen Weg; aber der HERR allein lenkt seinen Schritt. (Sprüche 16,9 LUT17) ↩︎

  3. Befiehl dem HERRN deine Wege und hoffe auf ihn, er wird's wohlmachen (Psalm 37,5 LUT17) ↩︎