Endlich erfüllt sich ein Kindheitstraum von mir: Ich wache eines Montagmorgens auf und lebe das Leben eines anderen Menschen.

Das Baby wirft die Beine in die Luft und brabbelt fröhlich vor sich hin. Wie jeden Morgen. Ich bleibe regungslos liegen. Mein Mann schält sich aus der Bettdecke, nimmt das Baby aus dem Bettchen und verlässt das Schlafzimmer. Er schließt die Tür und ich die Augen.

Da bin ich also. Mitten im Leben meines Mannes.

Es herrscht Ausnahmesituation. Nachdem alles Diskutieren, Argumentieren und Aufgabenverteilen erfolglos war, haben wir uns entschieden neue Wege zu gehen. Verständnis für die Situation, die Aufgaben und das Empfinden des Anderen zu gewinnen. Für eine Woche tauschen mein Mann und ich unsere alltäglichen Aufgaben. Das heißt für ihn vor allem eines: Einkaufen, Kochen, Baby bespaßen. Und für mich: Konzentriertes Arbeiten.


Montag
Hier ist alles super

Nach dem Frühstück bin also ich diejenige, die den Laptop aufsucht und mein Mann derjenige, der sich um das Kind kümmert. Und wir beide genießen das sichtlich. Voller Euphorie liest mein Mann Kinderbücher vor, tanzt mit der Kleinen Salsa, preist unsere Spielsachen an, singt Lieder und trägt das Baby in der Wohnung rum.

Ich genieße es, mich endlich ganz auf eine Sache konzentrieren zu können und versuche das aufzuholen, was ich in den letzten fünf Monaten nicht geschafft habe.


Dienstag
Planlos

Wir müssen einkaufen. Eigentlich muss mein Mann einkaufen, aber er meinte, er bräuchte meine Hilfe. Ich bräuchte die Zeit eigentlich für meine Arbeit, aber ich will mir die Diskussion nicht geben. Schließlich muss er auch oft mit, wenn ich einkaufen gehe.

Ich bin im Eingang des Ladens und weiß nicht recht was ich hier tue. "Was brauchen wir denn?" frage ich und stehe immer noch unschlüssig vor den Einkaufskörben, während mein Mann schon samt Kinderwagen vorm Gemüseregal steht und Bio-Karotten in den Einkaufskorb legt. "Du könntest schon mal nach Aufschnitt schauen." Eine denkbar unpräzise Aufgabe.

Ich nehme irgendwas und kehre damit zu meiner Familie zurück. "Gab es keinen anderen Käse?" lautet es prompt. Natürlich gab es anderen Käse. Ich habe aber diesen hier genommen. "Was brauchen wir noch?" frage ich und werde zu den Joghurts geschickt.

Vorm Gewürzregal meldet sich meine Blase. Ich sammle die Lebensmittel etwas schneller zusammen und eile zu meinem Mann. "So. Wir können gehen, habe alles hier." erkläre ich unmissverständlich. Mein Mann möchte noch die Produkte vergleichen und zwei, drei Sachen besorgen. Ich möchte nach Hause.

Mein Fazit: Hätte ich gewusst, dass einkaufen gehen wirklich so schlimm ist, hätte ich mehr Rücksicht auf meinen Mann genommen.


Mittwoch
Der Zombie

Das Babyphone knistert, ein "Wuäh?" ertönt und mein Mann steht mechanisch vom Sofa auf. Drei Minuten später kommt er mit hängenden Schultern zurück, das diffuse Licht im Flur lässt seine Augenringe noch dunkler erscheinen. Das Baby gluckst fröhlich auf seinem Arm.

Es ist 17 Uhr, der Nachmittagsschlaf ist gerade beendet und mein Mann hat 9 Stunden Baby-Schicht hinter sich.

Er lässt sich in den Sessel fallen und legt die Beine hoch, bettet das Baby auf den Oberschenkeln und beginnt antriebslos mit einem Spielzeug zu rasseln.

"Was? Es sind erst 5 Minuten vergangen?" durchbricht mein Mann das monotone Rasseln ungläubig. Hilfesuchend geht der Blick zu mir "Was tue ich denn jetzt die nächsten 3 Stunden mit ihr?!"

Zwei Stunden später läuft er das Wohnzimmer ab. Den Kopf gesenkt, die Füße schleifen über den Boden, das Gemurmel vom Baby verhallt ungehört. Der hilfesuchende Blick zur Uhr. Dann zu mir.

"Machst du das wirklich jeden Tag?"

Sein Fazit: Die immer gleichen Spiele, Lieder, Tänze und Gegenstände sind nicht nur für Erwachsene irgendwann ermüdend langweilig. Kinderbetreuung erfordert Kreativität.


Donnerstag
Zeitfresser

Wir haben länger geschlafen als geplant. Das Frühstück fällt etwas kürzer aus und während ich die Müslischüssel auskratze räumt mein Mann den Tisch ab. Ich schaue auf die Uhr. Mist. Unsere festgelegte Ehezeit beginnt in 15 Minuten. In der Zeit schaffe ich nicht, meinem Gedanken aufzuschreiben.

Zwei Stunden später sind wir wieder Zuhause. Etwas überzogen haben wir schon. Ich setzte mich aufs Sofa, klappe den Laptop auf und schreibe los.

"Nimm sie doch bitte mal, ich kann grade nicht" reißt mich die Stimme meines Mannes aus meinen Gedanken. Er steht am Herd und schneidet Rotkohl. Er behauptet, man könne nicht gleichzeitig Kochen und das Baby bespaßen. Ich habe dafür, wie sonst er, kein Verständnis.

Schließlich nervt mich das Gewinsel unserer Tochter so sehr, dass ich keinen klaren Gedanken mehr fassen kann. Ich schaue meinen Mann vorwurfsvoll an. Er verteidigt sich: "Es geht nicht! Sie dreht sich immer wieder um!" Heimlich triumphierend, und doch etwas wehmütig, ob der dann fehlenden Zeit, nehme ich die Kleine an mich.

Unser Spatz ist gefüttert, unsere Mägen gefüllt und zu meinem Entsetzen ist es bereits 16 Uhr. Was habe ich heute geschafft? Praktisch nichts.

Mein Fazit: "Nur mal kurz die Kleine nehmen" ist gleichbedeutend mit "Heute schaffst du leider nichts". Man unterbreche den Arbeitenden besser nicht.

Sein Fazit: Kochen und Baby bespaßen geht nicht gleichzeitig. Auch nicht mit Liebe, Geduld und "Dann ist das Essen eben einfach etwas später fertig"-Weisheiten.


Freitag
Perfekt

"Soll ich die Kleine gleich eine Stunde nehmen?" habe ich meinen Mann gefragt, nachdem das Mittagessen beendet wurde. "Dann kannst du dein Zeug machen." Er hat genickt und das Angebot dankend angenommen. Während er ein paar Codes für diesen Blog geschrieben hat, habe ich mich zu meiner Tochter auf den Boden gelegt und mit ihr den Kochlöffel bestaunt.

Nach einer Stunde hat mein Mann wie selbstverständlich unser Spiel übernommen und ich bin an den Laptop zurückgekehrt, Texte redigieren.

Unser Fazit: Die Aufgaben des Anderen zu sehen, anzuerkennen und bei Bedarf zu unterstützen hilft uns beiden. Im Zweifel ist mehr gewonnen, wenn man eine Stunde bewusst den Partner entlastet, als wenn man drei Stunden indirekt zu verstehen gibt, dass man keine Zeit für die Bedürfnisse des Anderen hat. Oder kein Verständnis.


"Ja, ich will verstehen, was du meinst", bedeutet nicht nur Reden. Nicht Diskutieren, Argumentieren, Zeitfenster schaffen, Aufgaben verteilen. Verständnis entwickeln heißt, die Welt mit den Augen des Partners zu sehen. Und bei diesem Versuch darf man durchaus kreativ werden. Denn:

Die Situation sieht gleich ganz anders aus, wenn man in der jeweils anderen Lage ist. Und eigentlich machen wir gerne das, was wir machen. Und am Liebsten tun wir etwas, was dem Anderen guttut, ihn entlastet, ermutigt und wertschätzt.