Corona ist in aller Munde und ja, auch ich möchte mich dazu äußern. Wie die Meisten kann ich, können wir nicht einschätzen wie gefährlich das Virus für uns oder unsere Nächsten ist, welche Maßnahmen sinnvoll und welche es nicht sind. Vielleicht wollen wir auf das Schlimmste vorbereitet sein, vielleicht halten wir das alles für reine Panikmache, doch gleich wo wir uns zwischen diesen Polen verorten, von den öffentlichen Maßnahmen sind wir gleichermaßen betroffen.

Die Kitas und Schulen sind geschlossen, fast alle Firmen ordnen Home Office an. Veranstaltungen, Gruppen, Vereine sagen ihre Termine ab und auch die Schließung aller öffentlichen Einrichtungen wie Bars, Kinos, Schwimmbäder wird bereits erwogen. Wie weitreichend die Konsequenzen dieser Schließungen sein werden, ist noch nicht abzusehen, doch die kurzfristigen Folgen treffen uns bereits empfindlich: Wie soll ich meine Arbeit von Zuhause aus schaffen, wenn ich nebenher die Kinder betreuen muss? Was soll ich überhaupt mit ihnen tun - 24/7? Wie wird der verpasste Unterrichtsstoff nachgeholt und habe ich genug vorgesorgt, um im Falle eines Shutdowns ausreichend versorgt zu sein?

Das soziale Leben steht von jetzt auf gleich still, der Alltag wird in andere Bahnen gelenkt. Wir fühlen uns auf uns und unser nacktes Sein zurückgeworfen.

Dabei birgt diese Krise Chancen. Für unsere Gesellschaft, für jeden Einzelnen. Fortschritte, die längst hätten vorangetrieben werden sollen, können neu überdacht und erprobt werden: Lernmaterialien übers Internet zum Beispiel. Dezentraler Unterricht. Ein durchsetzbares und alltagstaugliches Recht auf Home Office für alle Berufe, in denen dies möglich ist. Ausbau von digitalen Kirchen. Überhaupt der Anstoß für flächendeckend schnelles, verlässliches Internet.

Vielleicht sind das Träumerein, die nicht jeder von uns träumt. Vielleicht werden sie nie Wirklichkeit, vielleicht stoßen sie aber noch mehr Dinge an, die wir jetzt noch nicht zu träumen wagen? Ja, diese Krise birgt das Potential unsere Gesellschaft positiv, fortschrittlich zu verändern. Auch im Kleinen.

Die kleinste Zelle unserer Gesellschaft ist die Familie. Und genau diese steht gerade vor besonderen Herausforderungen. Denn was, das fragen sich nun eingie Eltern, soll ich bloß mindestens die nächsten fünf Wochen mit meinen Kindern tun? Die Antwort ist so simpel wie herausfordernd: Zeit verbringen. Wir Eltern haben die großartige Chance bekommen, mehr Zeit mit unseren Kindern zu verbringen. Es gibt zahlreiche Studien und Umfragen, die belegen, dass wir Eltern uns mehr Zeit mit unseren Kindern wünschen - und die Kinder sich mehr Zeit mit ihren Eltern. Auch wenn wir weiterhin arbeiten müssen und unsere Kinder in der Zeit vielleicht von Freunden oder Nachbarn betreuen lassen können - ein gemeinsames Mittagessen hat einen enormen Mehrwert. Man sieht sich, spricht miteinander, erlebt, wie der Tag gerade läuft. Die kurze Zeit, die sonst nur am Abend bleibt, wird durch die entfallenden Arbeits- und Bringwege verlängert und ein ausgelassenes Spielen miteinander bekommt mehr Raum. Wir dürfen wieder genau hinhören, beobachten, uns bewusst Zeit nehmen, kreativ werden.

Nicht nur die Beziehung zu unseren Kindern profitiert. Wir sind mehr darauf angewiesen, Zeiten mit den Menschen zu verbringen, die uns am allernächsten sind. Im Herzen, aber auch räumlich. Plötzlich ist der Nachbar, der so ein ganz anderes Leben lebt, als du, in der gleichen Situation. Auch er hat Kinder, die den ganzen Tag Zuhause sein werden. Auch er versucht zu arbeiten. Eine Chance, einander wieder näher zu kommen und die Ressourcen zu teilen, die man hat. Modelle zu entwickeln, die beide entlasten. Wir zum Beispiel werden zumindest zeitweise eine Wohnung als Großraumbüro und eine als Kindergarten umfunktionieren. Vielleicht auch ein Konzept, dass zu euch und euren Nachbarn passt?

Mit oder ohne Kinder, auch für uns als Paar tuen sich wertvolle gemeinsame Zeiten auf. Vielleicht machen wir gemeinsam Home Office und lernen so die Arbeit des anderen neu, besser, intensiver kennen. Wir entwickeln ein größeres Interesse und Verständnis an dem, womit sich der uns liebste Mensch auf Erden den Großteil seiner Woche befasst. Vielleicht hat der arbeitende Partner nun aber auch die Chance zu erleben, wie so ein Alltag Zuhause wirklich aussieht. Auch das fördert das Verständnis füreinander, wenn erlebt werden kann, wie anders, aber gleichwertig die Aufgaben des Partners sind.
Wir können uns weniger aus dem Weg gehen und bekommen so die Chance neu aufeinander einzugehen. Altes aufzuarbeiten, Derzeitiges zu klären oder zu genießen und Zukünftiges gemeinsam zu träumen.

Auch wenn wir unser Leben als Paar gerade genießen oder als Single die Tage und Wochen recht entspannt gestalten können und uns die Frage, wie wir das alles vereinbaren sollen, nicht umtreibt, auch dann treffen uns die Auswirkungen von Corona. Denn alle öffentlichen Veranstaltungen, auch regelmäßige Treffen in Vereinen und Gruppen fallen aus. Der Alltag ist plötzlich und drastisch ausgedünnt. Es entstehen Leer- und Freiräume, die neu gefüllt werden dürfen.

Das gibt uns die wertvolle Gelegenheit uns und unseren Alltag neu zu sortieren. Unsere Leben sind so voll! Oft voller, als sie sein sollten. Wir dürfen nun reflektieren: Was fällt nun plötzlich weg, was wir wirklich nicht vermissen? Ein Hobby, das zur Pflicht geworden ist? Eine Arbeit, die mehr Stress als Benefit bringt? Kurstreffen, Anstandsbesuche, belastende Ehrenämter?

Wie füllen wir nun diese Leerstellen? Netflix, Fastfood, Zocken? Auch das darf sein. Auch dafür dürfen wir uns einmal ausgiebig Zeit nehmen. Aber es sollte nicht dabei bleiben. Vielleicht entdecken wir eine Seite an uns, die wir so nicht kannten? Können ein lang liegengeblienes Projekt angehen, alte Visionen aufspüren und neue Wege denken. Vielleicht bekommt unser Garten nun endlich die Pflege und Aufmerksamkeit, nach die er sich in diesem Frühjahr sehnt? Vielleicht telefonieren wir wieder mal mit unseren Eltern, der weggezogenen Freundin oder der Patentante? Oder schreiben gar ein Brief, schicken ein Päcken? Stricken, Nähen, Basteln, Bauen - alles wundervolle Dinge, die wir Zuhause und ganz allein oder mit unseren Kindern machen können.

Corona ist beängstigend, weil es uns damit konfrontiert, dass nichts im Leben beständig ist. Unsere geglaubten Sicherheiten geraten ins Wanken, unser selbstbestimmtes Leben erfährt Einschränkungen. Wir sorgen uns um die Gesundheit, vielleicht sogar um die Leben unserer Liebsten. Und wir können kaum etwas tun, um dieses Problem aus der Welt zu schaffen. Unsere Sorgen und Zweifel sind berechtigt. Aber Wir können und dürfen dankbar annehmen, dass aus dieser Krise Potential erwächst. Potential, menschlich wieder näher zu rücken, Kreativität zu entfalten und uns und unser Leben neu zu fokussieren und auf den auszurichten, der schon gesiegt hat: Gott.