Diese Aufforderung hatte in meinem Leben damals den gleichen zentralen Stellenwert, wie in unserem Trauvers. Denn bevor ich Mutter wurde, habe ich viel Zeit im Gebet verbracht. Ich führ(t)e ein Gebetstagebuch, in dem ich meine Gebete aufschrieb. Damals noch wirklich täglich. Ich nahm mir regelmäßig Zeit, stundenlang im Gebet zu verbringen. Zog mich zurück, suchte die Stille und betete Minute um Minute um Stunde.


Unser Winter 2019 war wirklich hart. Die Kinder waren wochenlang krank, ich war in der Frühschwangerschaft sehr müde und nach dem Verlust unseres Kindes emotional sehr instabil. Ich habe viel geweint, viel an mir gezweifelt, das Leben an sich in Frage gestellt und damit gerungen meinen Töchtern trotzdem die beste Mutter zu sein, die ich mir vorstellen konnte. Ich wollte meinem Mann nicht zu sehr zu Last fallen und war trotzdem enttäuscht, wenn er mich nicht "genug" entlastete. T1 spürte die Unruhe und reagierte mit heftigen Wutanfällen, widersetzte sich in Allem und war allgemein einfach sehr unsicher. Das widerum sägte unentwegt an meinen fadenfeinen Nerven. Und auch ich wurde wütend. Und nur die Gewissheit, dass ich in all' dem nicht allein bin, hielt mich davon ab die Wohnungstür hinter mir zu schließen und nie wieder zu kommen.

Versteht mich nicht falsch, ich lieb(t)e mein Leben. Ich leb(t)e genau das Leben, das ich mir immer gewünscht hatte. Und egal wo ich hingegangen wäre, ich hätte das schlechtere Leben gewählt. Ich war einfach am Rande meiner Belastbarkeit angelangt. Und in all' dem erinnerte ich mich daran, was mich trägt: Mein Gott.

Ja, ich habe allen Grund zur Fröhlichkeit, aber Freude hatte ich doch keine in mir. Und beten ohne Unterlass... wann, bitte WANN soll ich DAS denn noch machen? Beten. Reden mit Gott. Andauernd. Die ganze Zeit. Wie soll das gehen? Eltern kleiner Kinder muss man nicht erklären, wie schwer es ist, ein Gespräch ohne Unterbrechung zu führen. Und wie anstrengend das ist, immer wieder den Faden aufzunehmen.

Mit jedem Kind änderte sich mein Alltag und meine Strukturen und im Tumult des Lebens habe ich beinah verlernt Gespräche zu führen. Man gibt Anweisungen, Hinweise, Warnungen, Anregungen - aber für wirklichen Austausch bleibt oft keine Zeit. Und so sprach ich auch mit Gott.

Ich dankte und bat Gott um dieses oder jenes. Vor allem darum, dass meine Kinder durchschliefen, gut aßen und sich bitte genau so verhielten, dass ich den Tag irgendwie überlebte. Aber ich erwartete eigentlich keine Antwort. Wenn ich am Abend betete, dass meine Kinder bitte durchschlafen mögen, weil ich so dringend Erholung brauchte, dachte ich bereits: "So funktioniert das nicht. Gott ist es total egal, ob die Kinder durchschlafen oder nicht." Und irgendwie ahnte ich, dass Gott vielleicht lieber etwas anderes gehört hätte. Aber ich hatte keine Zeit mich damit zu beschäftigen. Ich hörte auf, mich auf die Gnade Gottes zu verlassen und setzte stetig auf meine eigenen Fähigkeiten. Und ich kam ein ganzes Stück weit - ehe ich erschöpft zu Boden fiel und lernte, was es wirklich heißt "ohne Unterlass" zu beten.

Nicht zu hoffen, es würden sich plötzlich alle Probleme im Luft auflösen, sondern die Suche nach ehrlichem Rat, die Bereitschaft zuzuhören. Ein Gespräch zu suchen. Echten Austausch. Ich habe Gott gefragt, warum ich so gereizt, so erschöpft bin. Warum das Leben, das so ist, wie ich es mir gewünscht hatte, mich nicht glücklich, sondern müde macht. Und damit gerungen. Und warum ließ er die Kinder nicht schlafen? Warum kam ich nicht zur Ruhe?

Ich erwartete, dass mein Lebensentwurf funktionierte und nicht, dass er lebte. Ich suchte Ruhe, wo ich sie nicht finden konnte. Hoffte dass meine Kinder sich so verhielten, dass ich es leicht hatte, ihnen ein schönes Leben zu gestalten. Vor allem aber schöpfte ich aus eigener Kraft und nicht aus der Fülle Gottes. Erst als meine Kräfte aufgezerrt waren, lernte ich nicht nur zu reden, sondern auch zuzuhören. Nicht nur zu machen, sondern auch machen zu lassen. Und so veränderte sich ganz langsam auch mein Gebet.

Weg von meinen Umständen, weg von meinen Gegenübern, hin zu mir und meinem Verantwortungsbereich. Vor dem Schlafen bat ich nicht mehr darum, dass meine Kinder durchschliefen. Ich bat darum, dass ich in der Nacht geduldig und einfühlsam auf meine Kinder reagieren konnte und am nächsten Morgen trotzdem erholt sein würde. Wenn meine Kinder mittags lieber tobten als zu schlafen, bat ich um Rat und Geduld. Und es ergab sich immer eine Möglichkeit ein paar Minuten Ruhe zu finden, auch wenn die Kinder nicht schliefen.

Gott veränderte nicht meine Umstände, er veränderte mich. Mein Herz, mein Gebet. Und so lernte ich auch, dass ich eines nicht brauchte um "ohne Unterlass" zu beten: Zeit. Ohne Unterlass bedeutet nicht ständig und immer und vor allem nicht ausschließlich. Es geht nicht darum mich stundenlang in einen Raum einzuschließen und Worte um Worte um Worte zu machen. Auch wenn das ab und an seine Zeit hat. Beten "ohne Unterlass" heißt nicht, einmal täglich das Gebetsbuch aufzuschlagen und alles niederzuschreiben, was einen bewegt. Es heißt nicht, immer wieder die selben Worte zu sprechen. Es heißt nicht, ein Ritual zu finden, eine Routine zu etablieren.

Es ist viel mehr eine Haltung, die erwartet, dass Gott etwas verändert. Eine Haltung, die sagt: Gott ist relevant für meinen Alltag! Ein "Verbunden-sein", ein allezeit bereit sein. Beten ohne Unterlass ist vor allem in Beziehung bleiben. Nicht nur klagen, auch Rat suchen. Nicht nur vorwerfen, auch annehmen. Annehmen, dass die Antwort Gottes nicht die sein muss, die wir erhoffen. Die wir vielleicht sogar erwarten.
Uns von Gott lieben lassen und ihn lieben. Sich der Gegenwart und das Abhängigsein Gottes jederzeit bewusst zu sein. Aus seiner Gnade heraus zu leben, nicht aus unserem Können. Die stetige Hoffnung auf das Eingreifen Gottes. Das stetige Bereitsein, aus seiner Weisheit zu schöpfen. Die erste Reaktion, wenn uns etwas Beängstigendes, Beunruhigendes, Überwältigendes passiert. Das Wegsehen von unseren Wünschen und das Hinsehen auf Gott. Auch im Alltag. Vor allem im Alltag. Im Kleinen, wie im Großen.