Es gibt Momente in unseren Leben, in denen es nicht besser laufen könnte. Momente, Tage, Wochen und Monate - vielleicht sogar Jahre - in denen wir glauben, die Hauptfigur in einem Bilderbuch zu sein. Alles läuft genau so, wie es sein sollte. Genau dann, wann es sein sollte.

2016 war für mich genau so ein Jahr.

Es begann mit einem rauschenden Fest: Unserer Hochzeit. Es folgte das Schreiben meiner Masterarbeit und daraus resultierend mein für mich durchaus sehr erfolgreicher Masterabschluss. Ich schrieb Bewerbungen, wir fuhren in die Flitterwochen.

Noch in den Flitterwochen bekomme ich positive Rückmeldung. Irgendwo im Nirgendwo in Island ruft mich ein Verlag an und lädt mich zum Vorstellungsgespräch ein.

Aus den Flitterwochen bringen wir mehrere Kilogramm Schmutzwäsche, wunderschöne Erinnerungen und einen blinden Passagier mit. Ein winzig kleines Baby hat sich in Island bei uns eingenistet.

Und so gehen wir zu Zweit in das Vorstellungsgespräch. Das kleine Baby und ich. Und kommen mit Fragen und Antworten zurück. Ein ansprechendes Volontariat mit unglaublich schlechter Bezahlung. Einer Laufzeit von 2 Jahren und einer Arbeitszeit von 40 Stunden.

Es kommt die Zusage und von mir die Absage. Unser Islandsouvenir kam gerade zur rechten Zeit, um es als guten Vorwand zu nehmen, das unterbezahlte Volontariat auszuschlagen: Entschuldigt, ich werde Mutter.

Ich konnte mir nichts Schöneres vorstellen. Das Timing war perfekt. Mein Leben lief perfekt.


Das Herz schlägt nicht mehr.

Ich kniee auf dem harten, kühlen Venylboden unserer Wohnung. Mir hilft es, wenn mein Körper dem Ausdruck verleiht, was in meinem Herzen tobt.

Und gerade bin ich ganz tief unten.

Am Boden.

Ich vergrabe mein tränenüberströmtes Gesicht tief in meine Hände, schluchze, weine, heule. Mein Körper bebt unter der Wucht meiner Gefühlsausschüttung.

Ich schreie meine Wut, mein Versagen, meine Verzweiflung, meine Enttäuschung gen Himmel.

Was kannst du eigentlich? Bist du überhaupt zu irgendetwas fähig?!

Schreit es in meinem Kopf. Immer weiter.

Absage, Absage, Absage. Keiner will dich einstellen, zu nichts hast du es gebracht.

Dein Studium ist nutzlos. Keinen interessiert, was du dir erarbeitet hast. Dein Lebenslauf ungenügend, deine Fähigkeiten unzureichend. Zu gar nichts bist du Nutze.

Und was bist du nur für eine Frau, dass du nichtmal ein Kind austragen kannst? Nichtmal dein Körper kann etwas!

Karriere oder Kind? Brauchst du dich gar nicht fragen: Zu beidem bist du nicht fähig! Alles misslingt dir!

Ich bin am Tiefpunkt angelangt.

Mir ist, als führe eine eiskalte Hand in meinen Brustkorb, greife mein Herz und zermalmt es mit solch einer Wucht, dass ich kaum fähig bin den Schmerz auszuhalten, ihn gar zu benennen.

tiefpunkt

Zwischen all' dem Versagen, Nicht-Können, Unfähigsein und Selbstvorwürfen drängt sich immer und immer wieder die gleiche Frage auf: Was ist mein Wert?

Ich bin, weil ich etwas kann?
Ich bin, wie ich beschrieben werde?
Ich bin, was ich tue?

Ich bin arbeitslos. Ich habe keinen Beruf. Ich habe keine Beschäftigung. Ich bin nicht einmal mehr schwanger.

Ich tue nichts.
Ich bin nichts.

Oder doch?

Kann es sein, dass ich mehr bin, als meine äußeren Umstände?
Kann es sein, dass ich mehr bin, als das, was ich gut kann?

Kann es wirklich sein, dass ich einen Wert habe, obwohl ich nichts Wertvolles tue?


Sind wir mehr wert, weil wir mehr arbeiten? Sind wir mehr wert, weil wir mehr Geld verdienen? Sind wir mehr wert, weil wir mehr Kinder haben? Sind wir mehr wert, weil wir intelligenter sind? Sind wir mehr wert, weil wir mehr Wissen haben? Sind wir mehr wert, weil wir geduldiger sind? Sind wir mehr wert, weil wir weiß sind? Sind wir mehr wert, weil wir gesund sind? Sind wir mehr wert, weil wir jung sind? Sind wir mehr wert, weil wir eine Beschäftigung haben? Sind wir mehr wert, weil wir uns an Gesetze halten? Sind wir mehr wert, weil wir schön sind? Sind wir mehr wert, weil wir beliebt sind? Sind wir mehr wert, weil wir Macht haben? Sind wir mehr wert, weil wir funktionieren?

Nein.

Wir sind.

Und darum sind wir wertvoll.

Als Mensch, als Frau oder Mann, als Person und Persönlichkeit. Wir haben Fähigkeiten, auch wenn wir sie nicht jede Sekunde nutzen. Wir haben Wünsche, auch wenn wir sie nicht immer äußern können. Wir haben Träume, auch wenn wir sie nicht immer erreichen. Wir haben eine Vergangenheit, gut und schlecht, mit Erfolgen und Misserfolgen. Wir haben aber auch eine Zukunft mit unendlich viel Potenzial. Und wir haben ein Jetzt.

Und dieses Jetzt war 2016 mein persönlicher Tiefpunkt.

Ein Punkt, an dem alles, was gut war, zu einem Ende kam. Und (noch) nichts seinen Anfang genommen hatte. Ein Jetzt, das Leere, Einsamkeit, Stillstand bedeutete. Ein Jetzt, das sagte: Du bist mehr als deine Erfolge und mehr als dein Scheitern, mehr als deine Fähigkeiten und mehr als deine Machtlosigkeit.

Du bist genug.

Du bist wertvoll.