Als ich mit T2 schwanger wurde, war T1 gerade 6 Monate alt. Ich habe etwas warten müssen, eigentlich war mein Kinderwunsch schon riesig, als T1 4 Monate alt war. Zumindest konnte ich es kaum erwarten allen zu erzählen, dass T1 große Schwester wird. Und ich bangte und hoffte, dass mir niemand mit einer ähnlichen Botschaft zuvor kommen würde.

Völlig absurd, wie ich mittlerweile weiß. Keine einzige Mutter, die ich durch meine Schwangerschaft mit T1 und in dessen Folge durch ihr Dasein kennen lernte, ist bis heute wieder schwanger geworden. Im Gegenteil, einige beteuerten schon vor Monaten, dass sie keine weiteren Kinder wollen.

Ein für mich unvorstellbarer Gedanke. Das ein zweites Kind her muss, war mir schon klar, bevor ich mit T1 schwanger war. Vielleicht ging es deshalb so schnell.

15 Monate, hin und wieder treffe ich diesen Abstand bei meinen gläubigen Freunden an. Alle gaben mir den äußerst nett gemeinten Tipp, dass das zwar wahnsinnig anstrengend und ein geradezu irres Unterfangen sei, sich das alles aber später lohne. Später sollte viel später bedeuten. Frühestens wenn die Kinder im Kindergartenalter sind. Zumindest in diesem Punkt muss ich vehement widersprechen: T1 und T2 kann man schon jetzt (23 und 8 Monate) für ein halbes Stündchen alleine im Kinderzimmer lassen.

Gar nicht lohnen soll sich ein geringer Abstand zwischen zwei Geschwisterkindern unter dem Aspekt der Selbstständigkeit des älteren Geschwisterkindes. "Wenn das erste Kind älter ist, ist es selbstständiger und man hat mehr Zeit das Baby zu genießen." Vielgehört und vielgelesen. Abgesehen davon, dass ich jedes Stadium meines Kindes genieße, verstehe ich nicht ganz, ab wann ein Kind diese ominöse "Selbstständigkeit" erlangt hat.

T1 ist selbstständig. Unfassbar, was dieses kleine Wesen in nicht einmal 2 Jahren gelernt hat! Ich meine nicht sprechen und laufen, das ist natürlich auch beachtenswert. Aber beinahe banal neben Fähigkeiten wie: Möhren schälen. Abfall erkennen und in den (richtigen) Eimer werfen. Rutschen. Laufrad fahren! In jegliche Sitze, Gefährte, Konstrukte klettern. Alleine essen. Sagen, wann gewickelt werden soll. Sich selbst einschenken. Den Fahrstuhl holen. Angst vor dem Halbsatz "zum Arzt" haben. Die Spülmaschine ausräumen. Sandburgen bauen. Hubschrauber, Polizeisirene, Straßenbahnen nur Anhand derer Geräusche identifizieren und lokalisieren.

Weil ich ständig ein weniger selbstständiges Baby mit mir herumtrage, finde ich alles was das Kleinkind macht großartig, total selbstständig und super entlastend. Ich weiß nicht, ob ich die Begeisterung über das selbstständige Schuhe anziehen aufbringen könnte, wenn ich nie erlebt hätte, wie es ist an einem sibirisch anmutenden Januarmorgen ein dauerhaft schreiendes Baby und ein stetig wegstrebendes Kleinkind gleichzeitig in Winteranzüge, Schal, Mütze, Schuhe, Handschuhe, Fell, Decke, Buggy, Tragetuch, Tragejacke zu manövrieren und.. ach ja, fast alle Wärmeschichten auch noch an mich selbst anbringen zu müssen. Oh du glorreicher Tag, an dem das Kind lernte die Schuhe selbst anzuziehen! Übrigens aus eigenem Antrieb und ohne jede Übungseinheit.

Neben all diesen wundervollen Entzückungen, in die mich meine Große versetzt, lerne ich von T2 vor allem eines: Demut.

Oh, Gnade mir und bitte vergebt, alle Mütter denen ich jemals Verständnislosigkeit entgegenbrachte, weil irgendwas, sei es das Stillen, Essen, Schlafen, Spielen, nicht lehrbuchmäßig von Statten ging! Wie unbeholfen stand ich vor diesem Bündel Mensch, das Nichts als Schreien kannte und eine zeitintensive Hass-Liebe zu meiner Brust entwickelte, ohne dabei das zu tun, wozu das Ganze eigentlich gedacht ist: Zunehmen. T2 ist so ganz anders als T1 und alles, was bei T1 funktionierte schlägt bei T2 fehl. - Wäre es denn wirklich ratsam weitere Jahre in dem völlig irren Aberglauben zu leben, dass man als Eltern je etwas richtig gemacht hätte, sofern das Baby zufrieden sei? Man hatte einfach Glück!

Sowieso ist das Haben von zwei Kindern in vielerlei Hinsicht möglichst zeitnah anzustreben: Konflikte zwischen zwei Kindern sind nur dann nicht immer auf jeden Fall positiv für das eigene Kind zu lösen, wenn der Konflikt nicht zwischen dem eigenen und dem fremden Kind besteht, sondern - na klar - aus zwei Eigenen. Dann ist man stolz auf die Durchsetzungsfähigkeit des einen Kindes und besorgt über das Zurückstecken des anderen Kindes zugleich und gleichermaßen und lernt durch die innere Zerrissenheit in Konfliktsituationen mit dem fremden Kind eben dieses und deren Elternschaft etwas nachsichtiger zu behandeln. Es lehrt einen auch, dass sich Konsequenz auszahlt. Was hab ich Mütter und Mütter und Mütter erlebt, die immer und ständig die Konflikte ihrer Kinder lösten und deren Unnachgiebigkeit lobten und förderten. Hauptsache das eigene Kind geht als Gewinner aus der Konfliktsituation heraus. Die Mütter will ich sehen, wenn Tyranni, 4 Jahre alt, auf BabyTyranni stößt- keine Rücksicht auf Verluste.

Streiten muss also gelernt sein. Und nirgends ist ein besserer Ort, dies zu lernen, als in der eigenen Familie. Denn die Rahmenbedingungen und Grundregeln sind gesetzt: Beide Kinder streiten zu gleichen Bedingungen. T1 bekommt die ganz genau gleichen Grenzen gesetzt wie T2. T2 treffen die gleichen Konsequenzen wie T1. Und weil dennoch beide andere Vorraussetzungen und Lösungsstrategien haben, wird das zur Kunst, dem Ganzen beizustehen. Herrlich, wenn die erste Meins-Phase am Baby-Geschwisterkind Mamas Konfliktlösungsstrategie für Baby und Kleinkind aufs äußerste erprobt. Wer das schafft, schafft alles.


Apropos alles schaffen: da wären ja noch die ganzen Viren, die man großzügig zwischen zwei Barzillenschleudern teilt und zeitversetzt einander reicht und zurückgibt.

Ich erinnere mich, wie ich zwei Wochen nach der Geburt von T2 - Achtung eklig! - flüssigkeitsverlierend auf der Toilette saß, T2 Dauer-Stillend an meiner Brust, auf ihrem winzigen Körper eine Schüssel balancierend, die in kurzen Intervallen ebenfalls mit Flüssigkeit befüllt wurde. Im Wochenbett, ihr erinnert euch. Das sich überhaupt noch ein Milliliter Flüssigkeit in meinem Körper befand grenzt an ein Wunder. T1 stand übrigens übernächtigt, überreizt, übelkeitsgeprägt und laut schreiend neben dieser Szenerie, während mein Mann ebenfalls gern die einzige Toilette unserer 2 Raum Wohnung genutzt hätte...

Wer diesen Tag gemeistert hat, den kann nichts schocken. Kein Fläschchen statt Stillen, kein Kinderwagen statt Trage, kein Hinlegen-Rausgehen statt Einschlafbegleitung.

Und schon gar nicht sowas wie: Das ist doch aber anstrengend, so ein Alltag mit Baby und Kleinkind? - Nee, du. Hab schon Schlimmeres erlebt.


Meine Töchter, zusammen und einzeln, sind das wertvollste Geschenk, dass ich je in Händen halten durfte. Beziehungen kann man schließlich nicht in Händen halten und meinen Mann muss(te) ich mir erarbeiten ;). Meine Töchter aber, wurden mir geschenkt. Und ich bin jeden Tag dankbar, dass sie gerade mir anvertraut wurden. So schön, so klug, so wertvoll, so unaussprechlich geliebt. Ganz egal wie klein oder groß, ganz egal wie weit auseinander, zeitlich, räumlich, charakterlich.