Diese Woche bin ich 26 Jahre alt geworden. Sechsundzwanzig.

Ich habe also die erste Hälfte der Zwanziger hinter mich gebracht und befinde mich auf den Weg zur 30. Langsam, aber stetig.

Ich werde wohl weiterhin "Mitte zwanzig" bevorzugen. Das klingt irgendwie jung und doch erwachsen. Im Leben angekommen, aber noch stehen alle Türen offen. Wer sich jetzt noch umorientiert ist kein Chaot, sondern mutig. Oder vielleicht auch nur normal.


Jedes Alter bringt sein Stigma mit sich. Manchmal gegensätzlich. In der Teenie Zeit zum Beispiel hat man in der Schule fleißig und erfolgreich zu sein. Sport und Musik zu machen, die Fühler nach außen zu Strecken und - wenn man 10 Jahre später von ihr erzählt - richtig Spaß gehabt zu haben. Eskaliert sein, sich ausprobiert zu haben.

Die Studienzeit wird zur besten Zeit des Lebens stilisiert, da war man jung und frei und ungebunden, frisch im Kopf und voller Tatendrang. Da hat man für das Gute gekämpft. Und seien es nur die guten Noten. Man probiert sich aus, in Hobbys, Künsten, (Sexual)Partnern, Lebensentwürfen. Je verrückter, desto besser.

Gegen Ende der Zwanziger sollte damit aber Schluss sein. Spätestens Mitte dreißig sollte man sich gemäßigt im Reihenhaus mit Frau/Mann und zwei Kindern plus Hund wiederfinden und so für sein weiteres Leben die richtigen Umstände geschafft haben.

Danach geht alles seine geordneten Bahnen: Die Kinder werden größer, die Zahl auf dem Konto auch. Beförderung, zweites Auto, neue Beförderung, neues Auto, neues Haus, die Kinder ziehen aus. Die Kinder heiraten, man wird Großeltern.

Je nach dem wie "jung geblieben" man im Alter ist, muss man sich dann zwischen Mitte fünfzig und Mitte sechzig noch ein neues Hobby suchen, die Welt bereisen und/oder eine neue Religion oder Ideologie für sich entdecken.


So oder so ähnlich stellen wir uns das Älterwerden vor. Mit jedem Altersabschnitt verbinden wir bestimmte Lebensentwürfe und je nachdem wie gut sie sich mit unserem Gefühl und Empfinden decken, freuen wir uns darauf oder - und das ist meistens der Fall - wir grauen uns davor.

Denn immer, wenn wir ein Jahr älter werden, reflektieren wir, was wir in welchem Alter erreicht haben wollten. Oder nach irgendeiner Meinung nach sollten. Und wenn sich das nicht mit dem deckt, was wir tatsächlich leben, dann empfinden wir uns als alt. Und schnell alternd. Und irgendwie finden wir das alles ganz schön grauenerregend.

Unser Blick richtet sich auf das, was wir wollten. Und auf das, was wir nicht haben.

Und oft müssen wir erkennen, dass wir nicht an dem gearbeitet haben, was wir wirklich wollten. Dass wir "dahin" gelebt haben. Und das hinterlässt das Gefühl, dass wir stetig verlieren. Zeit. Lebensfreude. Chancen.


Dabei sind die Meisten dieser klischeehaften Lebensskizzen überhaupt nicht grauenerregend. Im Gegenteil, vieles ist zu Recht "der Standard" und erstrebenswert. Dass wir "irgendwann" gerne einmal im Eigenheim wohnen wollen, heiraten, Familie gründen, im Beruf ankommen, erfolgreich sein wollen, steht für viele von uns ganz früh fest.

Wir wissen nur nicht wann und wie wir dahin kommen und dass das nicht plötzlich einfach alles da ist. Wir wachen nicht eines Tages auf, sind zweiunddreißig und mit dem ersten Kind schwanger. Von unserem Traummann. In unserem Traumhaus. Mit unserem Traumauto vor der Tür und dem Traumarbeitsvertrag in der Tasche.

Familiengründung ist ein sehr langsamer Prozess. Partnerwahl. Beziehung. Verlobung. Heirat. Kinderwunsch. Schwangerschaft. Säuglingsjahre. Kleinkindphase und dann wieder Kinderwunsch. Schwangerschaft. Säuglingsjahre. Kleinkindphase...

Und der Weg zum beruflichen Erfolg ist in der Regel turbulent, mit Erfolgen und Rückschlägen und deutlich sprunghafter, unvorhersehbarer, als wir uns das vorgestellt haben.

Erfolg, Familie, erreichte Ziele. Das hat man nicht einfach so. Das muss man Schritt für Schritt leben.

Wenn man mit Anfang dreißig bei der Familie angekommen sein möchte, dann sollte man mit Mitte zwanzig seine Partnerschaft vielleicht weniger experimentell treffen und gestalten. Verbindlichkeit anstreben. Entscheidungen treffen.

Wer mit Mitte dreißig den Job fürs Leben gefunden haben will, sollte sich auch auf die Suche danach machen. Kompromisse eingehen, Schritte wagen.


Ich habe Freunde, die mit Anfang dreißig Panik bekommen, weil sie noch kein Kind haben. Ich habe Freunde, die mit Mitte zwanzig Eltern geworden sind und mit Ende Zwanzig bedauern, dass sie nie die Welt bereist haben.

Nicht, weil sie das eine oder andere wirklich missen. Oder nicht noch umsetzen könnten. Sondern weil bestimmte Lebensereignisse mit bestimmten Altersabschnitten assoziiert sind. Und man manches "gemacht haben muss" oder "machen muss".

Und die Weltreise mit Anfang zwanzig kann man nicht nachholen. Eltern werden, solange man noch "jung" ist, auch nicht. Eine Weltreise mit Anfang Vierzig, wenn die Kinder aus dem Haus sind, kann man aber machen. Kinder bekommen mit Anfang/Mitte dreißig auch.


Älter werden ist, entgegen der geläufigen Meinung, nicht schlimm.

Es sind wirklich nur wenige Dinge, die nur in einem ganz bestimmten Alter möglich sind. Und deswegen gibt es nur sehr wenige Gründe sich nicht darauf zu freuen, älter zu werden.

Denn jedes Alter hat seine Herausforderungen, seine Chancen und Möglichkeiten.

Mit jedem Jahr kommen neue Erfahrungen hinzu, der Blickwinkel ändert sich, die Umstände, das Verständnis, die eigene Fähigkeit sich selbst zu kennen. Zu reflektieren, zu sich zu stehen.

Man selbst zu werden. Mutig zu sein - auch wenn das heißt, stehen zu bleiben, während alle anderen weiter in Bewegung sind. Oder weiterzugehen, während alle anderen stehen bleiben.

Älter werden heißt, sich selbst und die eigenen Umstände zu begreifen und zu gestalten. Ganz bewusst und dankbar. Wünsche umsetzen, Dinge, die "man" machen sollte, einem selbst aber nichts bedeuten, verabschieden. Ziele setzen und anstreben.

Älter werden heißt, dankbar für das zu sein, was war und freudig zu erwarten, was vor einem liegt und kommen mag.

Älter werden heißt anzunehmen, dass Manches vergeht und zu erkennen, dass Vieles dazugewonnen wird.

Jedes Jahr ist ein Geschenk, dass ausgepackt werden will.

Jedes Jahr ist wertvoll.