In meiner Oberstufenzeit haben zwei meiner besten Freundinnen und ich regelmäßig zusammen gebruncht. Um 10 Uhr morgens trafen wir uns und bereiteten köstliches Essen zusammen vor, backten Muffins, kochten schnelle aber raffinierte Gerichte nach und dekorierten den Tisch mit viel Liebe zum Detail. Erst dann begannen wir nach Herzenslust zu schlemmen und gingen meist vor 19 Uhr nicht auseinander.


Zeit betrifft uns alle. Wir haben jeden Tag die selbe Stundenanzahl
zur Verfügung und doch gehen wir sehr unterschiedlich damit um. Und so kommt es, dass mancher "keine Zeit" und der Nächste "zu viel Zeit" zu haben scheint.

"Work hard, play hard" ist ein Prinzip, dass mir in meiner Zeit in
der Start-up Branche permanent begegnet ist. Zeit soll effektiv genutzt werden, sowohl im Job, als auch im privaten Leben. "Quality Time" wird oft mit einem straffen Zeitplan, wenig, aber effizient genutzter Zeit assoziiert.

Kein Wunder, in einer Gesellschaft, in der alles schneller gehen
soll, immer mehr parallel läuft (Stichwort: Multi Tasking; Vereinbarkeit), Zeit Geld ist und nach so etwas wie einer Work-Life-Balance gestrebt wird.


Zeit ist Geld, das betrifft fast jeden von uns. Mit jeder Stunde, die wir arbeiten, verdienen wir Geld. Das heißt aber auch: Mit jeder Stunde die wir nicht arbeiten, verdienen wir kein Geld. Und wenn wir ehrlich sind: Gibt es einen "wirklichen" Grund, warum wir kürzertreten sollten?

Kennen wir nicht alle mindestens eine Person, die Single ist,
vermeintlich keine weiteren Pflichten und Aufgaben hat, als sich selbst zu versorgen und dennoch nicht Vollzeit arbeitet? Nicht weil sie keine Stelle gefunden hätte, sondern weil sie einfach weniger arbeiten will. Und ist das nicht etwas, was wir heimlich belächeln? Vielleicht weil wir es als "schwach" empfinden, vielleicht weil wir im Grunde neidisch sind, uns selbst aber gar nicht trauen würden, so "unvernünftig" zu handeln?

Während die meisten von uns nach Ausbildung oder Studium gerne einen sicheren, unbefristeten Vollzeitjob anstreben, werden junge Eltern gleich zu Anfang der Karriere mit Fragen der Zeitnutzung konfrontiert.

Spätestens wenn der kleine Mensch das Licht der Welt erblickt hat,
kommen unvermeidlich die Fragen: "Wann gehst du wieder arbeiten, wie viele Stunden wird dein Kleines bei der Tagesmutter sein, wie viele Überstunden machst du, schaffst du es zu diesem oder jenem Treffen zu kommen? Wie lange hat dein Partner Elternzeit?"

Ein Leben als Wochenendeltern kann schön sein: Ausflüge, Parks,
leckeres, aufwendiges Essen, Geschenke, teure Hobbys. Doch was ist, wenn wir verlernen, die Bedürfnisse nach Ruhe, Nähe, Seinlassen zu sehen und zu erfüllen?

Abend-Ehen können erfüllend sein: Romantische Abende, gemeinsame
Hobbys, einfach nur zusammen einen Film sehen. Aber die Realität sieht oft anders aus: 18 Minuten Gespräch über was man isst, wer die Kinder ins Bett bringt und was am nächsten Tag besorgt werden muss. Und dann versackt man vor Computer, Tablet und/oder Fernseher.

Freundschaften können auch via WhatsApp gepflegt werden, alle paar
Wochen oder Monate für eine Stunde im Café, mehr Zeit haben wir einfach nicht. Aber dafür ist es ein ganz besonders hübsches Café und man gönnt sich mal ein großes Stück Torte. Das hat mehr "Quality" als ein Treffen alle zwei Wochen in der Mittagspause mit billigem Kaffee aus dem Wegwerfbecher.

Was ist es also, dass Zeit zu "Quality Time" macht? Können wir
wirklich einen Termin in den Kalender schreiben, 60 Minuten Zeit
einplanen und sie "Qualitätszeit" nennen? Ist das Außergewöhnliche die "Qualität"? Das ferne Ausflugsziel, die teure Aktivität, das aufwendige Essen? Die gute Organisation, das "zu jeder Zeit unterhalten" sein?


Ich behaupte "Quality Time" braucht Zeit. Viel Zeit. Viel unschöne, unnütze Zeit.

Denn Quality-Time hat man vor allem dann, wenn alle Beteiligten sich in der Zeit wohlfühlen. Raum haben, sie selbst zu sein, mitgestalten dürfen und auch einmal Ruhe und Pause voreinander haben. Nicht unter Druck stehen, die Freiheit haben, selbst zu entscheiden, wann es "genug" ist.

Deshalb lieben wir Urlaube, Freizeiten und Unternehmungen: Sie
bringen etwas mit sich, was wir uns sonst nicht erlauben: Ganz viel
Zeit. Die nicht effektiv genutzt, nicht durchgeplant ist. Einfach nur beisammen sein. Oder allein.

Natürlich gibt es nur wenige Zeiten im Leben, in denen wir unbegrenzt und frei über unsere Zeit verfügen können. Zuerst gehen wir zur Schule, dann folgt Ausbildung oder Studium und im Normalfall bald darauf der Job.

Es gibt also immer Stunden am Tag, in denen wir gebunden sind. Wie aber nutzen wir die großen Zeiträume zwischen den festgelegten Terminen? Hobbys, Aufgaben, Ehrenamt, Interessen, eine Vielzahl von
Veranstaltungen - ist Freizeit auch nur ein Abarbeiten von Terminen?

Oder geben wir uns und anderen Raum für was immer auch anstehen wird? Leben wir einfach nur in diesem Moment? Geben wir uns die Erlaubnis, einfach nur zu sein? Ohne Druck, ohne Aufmerksamkeit, ohne Erfolgszwang, ohne irgendeinen besonderen Grund. Einfach sein.

Wir brauchen mehr Zeit um zu sein. Mehr. Nicht besser genutzt. Wochenenden mit Leerlauf und Zeit für Langeweile, Partys ohne Grund und ohne Programm, Verabredungen ohne festgelegte Endzeit, Feierabende ohne anstrengende "Privattermine". Raum für Spontanität, Zeit um sich selbst und andere in ihrem momentanen Sein und Befinden wahrzunehmen.


Zeit für einen neuen Menschen zum Beispiel. Wie kalkulieren wir da? Ein paar Tage vor der Geburt, zwei Wochen Urlaub nach der Geburt.
Elternzeit "können wir uns nicht leisten" oder wird zu einem späteren Zeitpunkt genommen. Das ist in Ordnung. Das darf jeder selbst entscheiden, wie es in das eigene Leben passt.

In unser Leben passt ein Jahr Elternzeit für meinen Mann. Und soviel Elternzeit für mich, wie es mir und meinen Kindern guttut. Und meiner Tochter tut es gut, dass ich da bin. Ganz langsam wird sie selbstständiger. Und es wird bald eine Zeit kommen, in der sie Zeiten ohne mich haben möchte. Mit ihren Freunden, mit ihrem Spielzeug, mehr mit Papa, mehr mit Oma und Opa und weniger mit Mama. Aber solange sie mehr Zeit mit Mama haben will, will ich sie ihr auch geben.

Was hätte ich denn anderes zu tun, was ich nicht auch später tun
könnte? Die ersten Jahre sind so kurz, im Vergleich zu den letzten
Jahren, in denen die Kinder groß und selbstständig sind.

Ich liebe es die Tage mit meiner Tochter zu verbringen. Auch wenn
jeder Tag ähnlich aussieht: Essen machen, füttern, alles aufräumen,
schlafen legen, Windel wechseln, Essen machen, füttern, aufräumen,
schlafen legen, Windel wechseln, Essen machen, füttern, warten bis sie richtig müde ist, Windel wechseln, ins Bett bringen.

Aber zwischen all' diesen Aufgaben gibt es auch Stunden, die wir ganz toll nutzen können: Plantschen auf dem Balkon, durch die Stadt bummeln, auf den Spielplatz gehen, mit anderen coolen Babys treffen, neue Spielsachen basteln, die Wohnung umkrempeln, ausmisten, gestalten, singen, tanzen...

Würde ich das Tanzen, das Plantschen, dass die Welt entdecken so
fröhlich unbeschwert mit ihr erleben können, wenn ich nicht wüsste, wann sie fertig damit ist? Wenn ich nicht wüsste, wie sie sich verhält, wenn sie hungrig ist? Wann sie müde wird und ausruhen will? Wann sie eine neue Windel braucht, wann sie das Interesse an Dingen verliert und was sie macht, wenn sie etwas aufregend und interessant findet?

Nur weil ich ihre Bedürfnisse kennengelernt habe, kann ich die freie Zeit mit ihr genießen.


Freilich werden wir älter und können unsere Bedürfnisse irgendwann
artikulieren. Dann benötigt es nicht mehr den ganzen Tag, um
herauszufinden, wie der Gegenüber sich gerade fühlt. Aber das Prinzip greift auch bei erwachsenen Freundschaften:

Wer viel Zeit investiert, am Stück oder wiederkehrend, kann Menschen unverstellt kennenlernen, einschätzen lernen, echt werden, ehrlich werden, weiterbringen. Nicht einfach nur schöne Momente teilen, sondern Gedanken und Träume teilen, Sorgen und Nöte, Alltag.

Nicht nur das Lachende, Strahlende, Verrückte, Abenteuerliche sehen, sondern auch das Traurige, Hoffnungsvolle, Alltägliche. Denn Alltag kann so aufregend sein. Kreativ machen. Weise machen, sanftmütig, demütig, empathisch.

Ideen und Wünsche reifen, Projekte und Pläne gelingen, Freundschaften und Beziehungen gedeihen, wenn sich Zeit dafür genommen wird. Nicht parallel, nicht quality-mäßig effizient kalkuliert. Sondern großzügig, im Überfluss, verschwenderisch.